Zöl­le aus Wa­shing­ton – auch für die Ver­si­che­rungs­bran­che ein Weck­ruf?

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Zölle sind plötzlich wieder breite Realität – und treffen in erster Linie die Exportindustrie mit voller Heftigkeit: SVV-Chefökonom Jan Schüpbach über wirtschaftliche Nebeneffekte und einen unterschätzten Welleneffekt bis in die Versicherungswelt.

Die Drohkulisse war seit Monaten präsent. Stimmen aus Politik und Wirtschaft warnten vor neuen US-Zöllen, doch viele hielten das jetzt eingetretene Extremszenario für unwahrscheinlich. Nun ist es Realität: US-Präsident Donald Trump hat Strafzölle von 31 Prozent auf Importe aus der Schweiz angekündigt – mehr noch als auf Waren aus der EU. Diese Nachricht hat die Schweizer Exportwirtschaft kalt erwischt. Das letzte Wort in Sachen Zölle ist wohl noch nicht gesprochen, die Aufregung ist aber dennoch gross.

Indirekt betroffen – aber keineswegs unbeteiligt

Die Versicherungsunternehmen sind von den Zöllen nicht direkt betroffen – sie exportieren keine Maschinen, keine Schokolade, keine Werkzeuge. Doch als Spiegel der Gesamtwirtschaft werden auch sie die Erschütterungen dieser Zölle zu spüren bekommen. Versicherer finanzieren, versichern und investieren. Wenn die Exportindustrie unter Druck gerät, trifft es früher oder später auch ihre Partner – darunter auch die Versicherer.

Viele exportorientierte Unternehmen müssen sich auf sinkende Margen einstellen. Die zusätzlichen Kosten durch die US-Zölle treffen sie in einem hart umkämpften Markt und dies vor dem Hintergrund einer ohnehin schwächelnden Weltkonjunktur. Wird weniger produziert, wird weniger transportiert, weniger gelagert, weniger expandiert – und es wird folglich auch weniger versichert.

Auch Privatpersonen geraten unter Druck: Eine globaler Handelsstreit würde die Schweizer Konjunktur belasten und sich dadurch negativ auf die Haushaltsbudgets auswirken. Weniger Kaufkraft bedeutet oft auch geringere Nachfrage nach freiwilligen Versicherungsprodukten wie Vorsorge- oder Zusatzversicherungen. Das ist nicht nur für Versicherer ein Risiko, sondern auch für Kundinnen und Kunden, da es zu einer bedenklichen Versicherungslücke, einem sogenannten Protection Gap, führen kann.

Drohende Inflation und steigende Schadenkosten – insbesondere in den USA

Die hohen Zölle auf Importen dürften in den USA die Inflation spürbar anheizen – sei es durch teurere Vorprodukte, höhere Produktionskosten oder weitergereichte Preiserhöhungen. Indirekt könnten auch andere Länder entlang der globalen Wertschöpfungskette betroffen sein, wenn sich Handelsströme verschieben oder Lieferengpässe verstärken.

Für Schweizer Versicherer mit Exposure in den USA könnte dies zu steigenden Kosten führen, die nur unvollständig über Prämienanpassungen ausgeglichen werden können, da in einzelnen inflationssensitiven Bereichen, wie der Autoversicherung, eine – auch politisch geprägte – Tarifkontrolle erfolgt.

Und die Wirkung bei den Kapitalanlagen?

Auch das Anlagegeschäft der Versicherer könnte durch die Zölle beeinflusst werden. Die aktuelle Unberechenbarkeit ist Gift für die Börse und erhöht die Marktvolatilität, insbesondere, wenn die Inflation in den USA und anderen Märkten wieder anzieht.

Die Kapitalallokation der Versicherer ist bekanntlich langfristig und defensiv ausgerichtet: Festverzinsliche Wertpapiere, Beteiligungen und Immobilien machen über 67 Prozent der Anlagen aus, während der Aktienanteil lediglich drei Prozent beträgt. Das schützt sie jedoch nicht gänzlich vor den Auswirkungen der Zölle: Steigende Inflation und Zinsen würden bestehende Anleihen entwerten, da neu ausgegebene Papiere attraktivere Renditen bieten. Dies könnte je nach Art der Verbuchung die Bilanzen von Versicherern belasten, die umfangreiche US-Anleiheportfolios halten.

Versicherungsaktien: Widerstandsfähig, aber nicht immun

Und wie steht es um die Aktien der Versicherer selbst? Grundsätzlich gilt: Schweizer Versicherer sind solide kapitalisiert, verfügen über robuste Geschäftsmodelle und gut diversifizierte Portfolios. Die direkten Auswirkungen der Zölle dürften sich – zumindest kurzfristig – in Grenzen halten. 

Ist es also an der Zeit, dass die Versicherungswirtschaft ihre aussenwirtschaftliche Sensibilität schärft? Die gute Nachricht: Sie tun es längst. Geopolitische Risiken sind seit jeher ein fester Bestandteil der Risikosteuerung und Kapitalanlage. Das macht die Branche widerstandsfähiger als viele andere. Eine Bewährungsprobe wie diese ist unangenehm – aber kein Grund zur Panik: Die Branche bleibt auf Kurs.

 

Dieser Kommentar ist am 4. April 2025 auf HZ Insurance erschienen.