Person mit kariertem Hemd steht vor einer Brücke.

Open Pension: mehr als nur Digitalisierung

Kommentar
16. Juni 2026

Open Pension ist weit mehr als ein Digitalisierungsprojekt. Es ist ein strukturpolitischer Schritt, der eine zentrale Schwachstelle des heutigen Vorsorgesystems adressiert: die fehlende Gesamtübersicht über die eigene finanzielle Absicherung. Zwar sind die relevanten Informationen vorhanden, doch sie sind über die erste, zweite und dritte Säule verteilt, folgen unterschiedlichen Logiken und lassen sich für Versicherte kaum konsistent einordnen. Wer seine Vorsorge versteht, kann jedoch eigenverantwortlich handeln und fundiert an der Weiterentwicklung der eigenen Absicherung und des Systems mitwirken. Transparenz ist deshalb die Voraussetzung für Verantwortung.

Die Vorsorge ist grösstenteils obligatorisch, stark reguliert und auf langfristige Leistungsversprechen ausgerichtet. Open Pension setzt genau hier an – nicht als Ableitung bestehender Open-Finance-Modelle, sondern als eigenständiger Ansatz für ein sozialpolitisch geprägtes System. Die zweite Säule bildet für viele den zentralen, zugleich aber komplexesten Vorsorgebaustein. Deshalb startet Open Pension in der zweiten Säule, mit dem Ziel, perspektivisch eine säulenübergreifende Lösung zu ermöglichen.

Für die Branche bedeutet dies eine Weiterentwicklung der bereits fortgeschrittenen Digitalisierung. Bestehende digitale Austauschmechanismen können genutzt und weiter standardisiert werden. Datenschutz, Informationssicherheit und Compliance bilden dabei den verbindlichen Rahmen, innerhalb dessen eine robuste Datenstandardisierung entsteht. Die Aggregierung der Leistungen wird vereinheitlicht, während die Darstellung dezentral über die bestehenden Vorsorgeportale erfolgt. Dieser pragmatische Ansatz stärkt die Vergleichbarkeit, ohne die Vielfalt der zweiten Säule einzuschränken.

Auf eine zentrale Datenspeicherung wird bewusst verzichtet: Die Datenhoheit bleibt bei den Vorsorgeeinrichtungen. Das ist datenschutzrechtlich sinnvoll, politisch umsichtig und technologisch zukunftsfähig. Unterschiedliche Einstiegstiefen bleiben möglich, ebenso Wettbewerb und Differenzierung. Auch die inhaltliche Ausgestaltung der Vorsorge bleibt in der Verantwortung der Sozialpartner. Open Pension kann im Rahmen der bestehenden Gesetzgebung umgesetzt und weiterentwickelt werden. Zusätzliche Regulierung wäre hingegen nicht nur überflüssig, sondern sogar kontraproduktiv, da sie die Innovationsfähigkeit des Systems hemmen würde. 

Open Pension entspricht dem politischen Willen nach mehr Digitalisierung und mehr Transparenz im Finanzwesen zugunsten der Versicherten. Ein verständlicher, konsistenter Überblick über Vorsorgeansprüche stärkt nicht nur die individuelle Planung, sondern auch die Qualität politischer Debatten und die Akzeptanz künftiger Reformen. So entfaltet Open Pension seinen vollen Nutzen: Vorsorgeinformationen werden verständlicher, zugänglicher und übergreifend sichtbar. Das heute fragmentierte Vorsorgewissen wird gebündelt, Risiken und Lücken werden erkennbar. Wer seine Vorsorgesituation versteht, kann sie bewusst gestalten – und die Zukunft des Systems fundiert mitprägen. Open Pension ist damit ein Instrument zur Stärkung von Vertrauen, Verantwortung und Mitwirkung.