Mehrere bunte Regenschirme von unten.

Versichern heisst vorausschauen

Interview
19. Juni 2026

Sie arbeiten bei einem Versicherer und sind politisch engagiert: Nina Fehr Düsel und Marco Natoli sprechen im Interview zur Lage der Versicherungswirtschaft und zum Ruf des Milizsystems.

Das Schicksal des Walliser Dorfes Blatten und die Brandkatastrophe in Crans-Montana haben die Schweiz erschüttert. Was dachten Sie, Herr Natoli, als Sie die Nachrichten aus Blatten hörten?

Marco Natoli: Ich war fassungslos, berührt und beeindruckt. Fassungslos, wie schnell ein Daheim weg sein kann. Berührt hat mich das Schicksal der Betroffenen und beeindruckt hat mich die Solidarität, die überall zu spüren war.

Was ging Ihnen, Frau Fehr Düsel, durch den Kopf, als Sie von der Katastrophe in Crans-Montana erfuhren?

Nina Fehr Düsel: Ich war zutiefst schockiert. Als Eltern denkt man bei so einer Tragödie unweigerlich an die eigenen Kinder. Ich hoffe, dass der Fall restlos aufgeklärt wird. Beeindruckt hat mich ebenfalls die Solidarität, insbesondere bei der Behandlung der Brandverletzten.

Kann man als Versicherer oder Behörde auf solche Tragödien überhaupt «richtig» reagieren?

MN: Es hilft, die administrativen Hürden für die Betroffenen tief zu halten. Man sollte sie nicht mit Bürokratie behelligen und ihnen Zeit zum Trauern lassen.

NFD: Die behandelnden Spitäler sollten erst einmal in Vorleistung gehen. Die Unterstützungsbeiträge sind zudem wichtig. Ausserdem ist jetzt zwingend die Haftungsfrage zu klären. Das kann sehr lange dauern.

Ein Mann und eine Frau sitzen vor einem dunklen Hintergrund.

Nina Fehr Düsel und Marco Natoli im Gespräch.

Im Wallis gibt es keine obligatorische Gebäudeversicherung. Braucht die Versicherung von Grossrisiken mehr staatliche Regulierung bzw. Zwang?

NFD: Ich bin keine Freundin von zu vielen Obligatorien. Mehr staatliche Regulierung braucht es definitiv nicht, denn auch eine Kantonale Gebäudeversicherung hätte die Katastrophe in Crans-Montana nicht verhindern können. Es geht vielmehr um die Umsetzung der Brandschutzvorschriften als um die Versicherungsform. Ob es ein Obligatorium braucht, muss letztlich jeder Kanton autonom entscheiden.

MN: In Blatten waren über 90 Prozent der Gebäude versichert. Bei Crans-Montana war vor allem der Vollzug das Problem. Versicherer dürfen keine Vollzugsbehörden sein, aber im Sinne der Prävention beraten. Ich sage immer: Assurer c’est prévoir.

Reden wir über Autos. Autos sind heute fahrende Computer. Müssen wir Autoversicherungen neu denken?

MN: Es ist richtig, Autoreparaturen werden immer teurer, weil Autos fahrende Laptops sind. Risikogerechte Prämien sind die natürliche Antwort darauf.

NFD: Bis anhin wurde bei Autoversicherungen vor allem menschliches Versagen kalkuliert. Mit Blick auf das autonome Fahren wird man in Zukunft vielleicht andere Risikoprüfungen machen und mehr auf die Produkthaftpflicht fokussieren.

In jüngster Zeit mehren sich Berichte über Raserdelikte. Wie sollte die Versicherungsbranche darauf reagieren?

MN: Höhere Prämien für bestimmte Risikogruppen sind gerechtfertigt. Dazu können Merkmale wie Herkunft, Alter, Wohnort, Automarke oder Geschlecht einkalkuliert werden. Das hat nichts mit Diskriminierung zu tun, sondern mit Statistik, und ist legitim.

NFD: Risikogerechte Prämien sind nicht nur legitim; wir schulden sie auch dem Kollektiv, wenn wir die Solidarität nicht überstrapazieren wollen.

Frau in kariertem Blazer vor schwarzem Hintergrund.

Seit 2019 ist Nina Fehr Düsel bei Swiss Life. Heute ist sie Group Legal Counsel Rechtsdienst. Seit 2023 ist sie für die SVP im Nationalrat.

Wir arbeiten heute weniger als vor 30 Jahren, trotzdem steigen die krankheitsbedingten Absenzen wegen Stress und psychischer Erkrankungen markant an. Wie geht man als Versicherer damit um?

NFD: Um Missbräuche zu verhindern, müssen Versicherer genau hinschauen und im Zweifelsfall Gutachten erstellen. Ich bin allerdings schon der Meinung, dass der Druck insbesondere auf die Jungen zugenommen hat; die ständige Erreichbarkeit und der Zwang, sich auf Social Media mit anderen zu vergleichen – das schlägt auf die Psyche.

MN: Wir müssen die Anreize so setzen, dass sie vor allem die Prävention stärken. Arbeitgeber müssen aus eigenem Interesse zu ihren Leuten schauen, um längere, psychisch bedingte Ausfälle so gut wie möglich zu verhindern.

Wie erklären Sie sich den markanten Anstieg psychischer Erkrankungen bei den Jungen?

MN: Das ist ein weltweites Phänomen. Der amerikanische Psychologe Jonathan Haidt erklärt in seinem Buch «Generation Fear», wie es z.B. durch das Aufkommen der sozialen Medien zur Angst- und Gesundheitskrise der Jugendlichen kommen konnte. Als Versicherer haben wir da nicht viel Einfluss.

NFD: Wir sind jedoch politisch gefordert. Überlange Wartezeiten für psychologische Behandlungen sind nicht gut. Auch mit Social Media müsste man restriktiver werden.

Wir müssen aber aufpassen, dass der Therapiefall nicht schon ab dem Kindergarten zum Lifestyle wird.

Für Stress sorgen auch die steigenden Krankenkassenprämien. Dürfen wir das zulassen?

NFD: Die Grenze des Tragbaren ist tatsächlich bald erreicht. Wir sollten den Leistungskatalog der Grundversicherung anpassen. Wer mit einer Bagatelle den Notfall bemüht, soll eine Pauschale bezahlen.

MN: Auch mehr Effizienz würde helfen. Nicht jedes «Täli» braucht sein «Spitäli». Aber oftmals fehlt der politische Wille.

Wir sind in der Schweiz stolz auf unser Milizparlament. Aber ist es so gut wie sein Ruf?

NFD: Ja, das Milizsystem ist besser als ein Berufsparlament, auch wenn es an die Kapazitätsgrenze kommt. Wir verdienen als Räte zwar viel, aber im Vergleich zum Ausland wenig. Das verhindert die Entstehung einer abgehobenen politischen Kaste.

MN: Da stimme ich zu. Das Parlament ist bei uns näher an der Bevölkerung als im Ausland. Seine Mitglieder kennen den praktischen Alltag, was in den Gesetzgebungsprozess einfliesst. Berufspolitiker können das nicht leisten.

Person in dunklem Anzug vor schwarzem Hintergrund.

2023 kam Marco Natoli zu Helvetia. Heute ist er Head of Group Public Affairs & Corporate Publishing. Er ist für die Mitte Mitglied im Basler Bürgerrat.

Besteht nicht die Gefahr, dass die Politik so zum Tummelfeld der Lobbys wird?

NFD: Lobbyismus gibt es auch bei Berufspolitikern. Lobbys sind nicht per se schlecht, aber ihr Einfluss muss transparent und kontrolliert sein. Die Schweiz ist zudem so aufgestellt, dass niemand zu viel Macht hat.

MN: Der Lobbyismus ist pluralistisch und bildet verschiedenste Interessen ab. Für die Politik sind Lobbys wichtige Informationsquellen.

Tragen die Lobbys nicht eine Mitschuld daran, dass der Staatshaushalt wächst? Warum sonst kann das Parlament nicht sparen?

NFD: Weil man zum Sparen Mehrheiten braucht. Viele Sparvorschläge sind nicht mehrheitsfähig. Seit Corona sitzt das Geld leider noch lockerer als zuvor.

MN: Westliche Demokratien schaffen es grundsätzlich nicht, ihre Ausgaben zu senken. Das hat mit Lobbyismus nichts zu tun.
Auch das Volk mag nicht sparen und schenkt sich die 13. AHV-Rente.

Was soll man tun?

NFD: Wir müssen den Weg der kleinen Sparschritte gehen.

MN: Einverstanden. Die Versicherungsbranche muss auch wieder lernen, verständliche Botschaften zu senden, um aufzuzeigen, welche Konsequenzen politische Entscheide für Herrn und Frau Schweizer haben.

Was würden Sie der Branche sonst noch für die Zukunft wünschen?

MN: Dass sie weiterhin ihre Innovationskraft pflegt.

NFD: Dem kann ich nur beipflichten. Die Branche arbeitet sehr solide und hält die Gesellschaft zusammen. Dem müssen wir Sorge tragen.