
Ein Felssturz hat 90 Prozent von Blatten begraben. Die Versicherer haben schnell reagiert.
«Davor» war Blatten im Lötschental ein Dorf mit 300 Einwohnerinnen und Einwohnern, traditionellen Walliser Bauten, einer Kirche, vielen Zweitwohnungen und touristischem Betrieb.
«Danach» – nachdem sich über längere Zeit infolge von Felsstürzen Gestein auf dem Birchgletscher angesammelt hatte und am 28. Mai eine Lawine aus Eis, Schlamm und Geröll ins Tal gestürzt war – lagen 90 Prozent des Dorfes unter einem gewaltigen Schuttkegel begraben.
Wie überwindet man eine solche Katastrophe? Diese Frage stellen sich tags darauf auch die neun Mitglieder der Elementarschadenkommission (ESK, siehe Box). Sie wissen: Auch vom Einlösen des Leistungsversprechens der Versicherer ist es abhängig, welche Zukunft Blatten bevorsteht. «Da ist ein ganzes Dorf in wenigen Minuten von der Landkarte verschwunden. Uns allen war klar, dass wir schnell und unter dem wachsamen Blick der Öffentlichkeit pragmatische Entscheide fällen müssen», beschreibt Veit Wendenburg die Zeit unmittelbar nach dem Ereignis. Als ESK-Mitglied und Regionenverantwortlicher für den Kanton Wallis war er derjenige, der mit dem Krisenstab der Gemeinde in Verbindung stand, Anliegen aufnahm und koordinierte. Als Leiter Haftpflicht/Sach bei der Vaudoise stand er den Betroffenen gleichzeitig bei Kundenanlässen vor Ort Rede und Antwort. «Dass wir mit Veit ein Sprachrohr direkt nach Blatten hatten, war sicher ein Vorteil», bestätigt Claudia Brudermann. Sie ist als Vertreterin der Mobiliar seit zehn Jahren Präsidentin der ESK und war froh, dass sie in dieser ausserordentlichen Situation auf ein eingespieltes Team zählen konnte. «Es war in dieser Phase enorm wichtig, dass wir uns eng abstimmen und am selben Strang ziehen.»
Um den besonderen Herausforderungen gerecht zu werden, entschied sich die ESK schnell dazu, den Betroffenen pragmatisch 75 Prozent der Gebäudeversicherungssumme als Akontozahlung auszuzahlen und die Regelungen betreffend Frist und Ort des Wiederaufbaus – als Voraussetzung für eine Auszahlung der verbleibenden 25 Prozent – zu lockern. «Wir wollten der Bevölkerung die dringendsten finanziellen Sorgen abnehmen und den Zeitdruck verringern», so Brudermann. «Ziel der ESK war es, den betroffenen Versicherungsnehmenden in Blatten schnellstmöglich zu helfen und trotzdem die bestehenden Versicherungsbedingungen zu berücksichtigen. Wir wollten keine ‹Lex Blatten›, sondern eine Lösung, die die speziellen Umstände berücksichtigt und gleichzeitig die Gerechtigkeit wahrt.»

Nach dem Felssturz ist ein Grossteil von Blatten überschwemmt. Die Privatversicherer helfen rasch und unbürokratisch.
In Blatten plant man derweil den Wiederaufbau und die Zukunft des Dorfes. Aus dem Schutt entsteht Neues. So haben sich beispielsweise zwei Hoteliers zusammengeschlossen, um rasch ein neues touristisches Angebot zu schaffen. Finanziert wird dies unter anderem durch die Versicherungsleistungen sowie durch Spenden und Beiträge zur Wirtschaftsförderung. «Paradoxerweise hatten das Ausmass des Ereignisses und die kollektive Betroffenheit auch einen positiven Effekt: Die Solidarität und die gegenseitige Unterstützung war in Blatten sehr stark spürbar», sagt Veit Wendenburg. Er denkt dabei auch an jene, die durch andere, weniger beachtete Elementarereignisse ihr Dach über dem Kopf verlieren. «Versicherungen kommen naturgemäss dann zum Zug, wenn Personen ein Unglück widerfahren ist. Unsere Aufgabe ist es, uns auf die Menschen einzulassen und ihre Sorgen und Bedürfnisse ernst zu nehmen.» Versicherungen tragen weiter dazu bei, schlimme Ereignisse zu überwinden. Gerade so, wie Blatten es tut.
«Wir wollten der Bevölkerung die dringendsten finanziellen Sorgen abnehmen und den Zeitdruck verringern.»
Claudia Brudermann,
Präsidentin Elementarschadenkommission
Die Elementarschadenkommission (ESK) ist ein ständiges Gremium des Elementarschadenpools (ESP), eines Zusammenschlusses von Versicherern zur Absicherung von Naturkatastrophen und zur gemeinsamen Prävention. Sie setzt sich aus Vertreterinnen und Vertretern von neun dem ESP angeschlossenen Versicherungsgesellschaften zusammen. Sie tagt für gewöhnlich viermal jährlich. Nach dem Felssturz in Blatten kam die ESK wöchentlich zusammen, um im Krisenmodus die operative Vorgehensweise zu koordinieren und eine kohärente Kommunikation sicherzustellen. Die ESK kann nicht über die Auszahlungspolitik der einzelnen Mitglieder entscheiden, sondern legt fest, welche Leistungen dem Schadenausgleichsmechanismus des ESP unterliegen.
Der Felssturz in Blatten dominierte monatelang die Medien. Von einem «Jahrhundertereignis», gar von einem «Jahrtausendereignis» war die Rede. Aus Versicherungsperspektive gehören Felsstürze – so auch Blatten – allerdings nicht zu den schadenträchtigsten Ereignissen der letzten Jahrzehnte. Die Statistik des Schweizer Elementarschadenpools gibt Einblick auf die grössten Schadenereignisse und bildet Trends ab. Als Gradmesser für die Entwicklung einer Naturgefahr dient sie allerdings nur beschränkt: Einzelne Grossereignisse können das Bild stark nach oben verzerren und die Definition des für die Betrachtung definierten Zeitfensters kann einen grossen Einfluss auf Trends haben. Auch Präventionsmassnahmen beeinflussen die Auswirkungen von Naturereignissen.
Anteil: ca. 53 % *
Tendenz: abnehmend
Grosse Ereignisse:
• Jahrhunderthochwasser 2005
• Hochwasser 2007 in Aargau, Basel-Landschaft und Solothurn
Überschwemmungen und Hochwasser verursachen in der Schweiz mit Abstand die grössten Schäden. Dass der Anteil nicht noch höher ausfällt, ist vor allem den Präventionsmassnahmen zu verdanken, di in den letzten Jahren getroffen wurden und ein sehr gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis aufweisen. Die Klimaszenarien des Bundes weisen in Zukunft auf mehr Starkregenereignisse hin. Die Präventionsmassnahmen halten allerdings Schritt und auch die Warnsysteme werden stetig verbessert.
Anteil: ca. 20 % *
Tendenz: zunehmend
Grosse Ereignisse:
• Hagel in Locarno im August 2023
Gemäss der Nationalen Plattform Naturgefahren PLANAT ist die Schweiz eines der hagelgefährdetsten Länder Europas. Als Wetterphänomen ist Hagel allerdings schwer systematisch zu erfassen und zu prognostizieren. Hagel kann innert kürzester Zeit schwere Schäden an Gebäuden und Fahrzeugen anrichten, wogegen Präventionsmassnahmen nur beschränkt Wirkung entfalten. Die Daten des Elementarschadenpools deuten auf eine Zunahme von Hagelschäden hin.
Anteil: ca. 12 %
Tendenz: leicht zunehmend
Grosse Ereignisse:
• Sturm «Lothar» im Dezember 1999
• Gewittersturm La Chaux-de-Fonds (NE) im Juli 2023
Windböen und Stürme können zu starken Beschädigungen an Gebäuden, Infrastruktur und Fahrzeugen führen. Hohe Schäden verursachen einerseits Winterstürme, deren Sturmfronten oft mehrere hundert Kilometer Länge umfassen, andererseits auch – meist lokale – Gewitterereignisse mit starken Sturmböen.
Anteil: ca. 7 %
Tendenz: gleichbleibend
Grosse Ereignisse:
• Felssturz Blatten 2025
Felsstürze, Steinschläge und Erdrutsche können zwar grosse Ausmasse annehmen, treten aber oft in weniger dicht besiedelten Gebieten auf und wirken sich deshalb wenig auf die versicherten Schäden aus. Der tauende Permafrost könnte die Risiken in Zukunft verschlimmern. So hatte möglicherweise der Felssturz in Blatten auch im tauenden Permafrost seine Ursache.
Anteil: ca. 2 %
Tendenz: gleichbleibend
Grosse Ereignisse:
• Lawinenwinter 1950/51
Lawinen sorgen in den Bergen immer wieder für Todesfälle bei Schneesportlerinnen und Schneesportlern. Schäden an Gebäuden und Infrastruktur entstehen heute allerdings selten, auch weil die Schweiz Lehren aus vergangenen Lawinenwintern gezogen hat und den Lawinenschutz weiterentwickelt hat.
Ohne Zuordnung
Anteil: ca. 6 %
* Anteile 2001–2025
In der Schweiz kommen Erdbeben zwar selten vor, können aber enorme Schäden verursachen. Das Erdbebenrisiko ist nicht über die gesetzliche Elementarschadenversicherung abgedeckt. Es gilt allerdings als gut versicherbares Risiko, für das auf dem Markt zahlreiche Versicherungsprodukte bestehen. Heute sind rund 21 Prozent der Gebäudewerte in der Schweiz gegen Erdbebenrisiken versichert. In stark gefährdeten Regionen wie dem Kanton Wallis ist die Durchdringung deutlich höher.
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