Stethoskop auf hellblauem Hintergrund.

Krankentaggeld: Symptome ernst nehmen, Ursachen wirksam behandeln

Kontext
19. Juni 2026

Ist das Krankentaggeld selbst am Kränkeln? Einzelfälle von Unternehmen ohne Deckung prägen die Debatte – doch sie sind nur ein Symptom. Die eigentlichen Ursachen liegen tiefer: bei zunehmenden und längeren Absenzen, besonders bei psychischen Belastungen.

Selbst wenn einem klar ist, dass es sich um Einzelfälle handelt: Berichte von stark steigenden Prämien und Kleinbetrieben, deren Mitarbeitende nicht mehr von einer Krankentaggeldversicherung abgedeckt sind, lösen zu Recht Betroffenheit aus – und nähren den Ruf nach schnellen Lösungen. So berät das Parlament derzeit ein Obligatorium, mit dem eine Versicherungsdeckung erzwungen werden soll. 

28’000 Franken kostet ein psychisch bedingter Leistungsausfall im Durchschnitt und ist damit ein Hauptkostentreiber im Krankentaggeld.

Christoph Bühler,

Leiter Personenversicherungen bei Zurich

Das zeigt auf den ersten Blick zwar Tätigkeit – doch für eine nachhaltige «Therapie» muss bereits an den Ursachen angesetzt werden.

«Steigende Versicherungsprämien sind nur ein Symptom,» gibt Reinhard Schmid, Leiter P&C Unternehmenskunden bei der AXA, zu bedenken: «Das eigentliche Problem liegt in den zunehmenden Absenztagen.» Denn Versicherer müssen in der Schweiz risikogerechte Prämien anbieten: Nehmen krankheitsbedingte Arbeitsausfälle zu, sind Versicherer gezwungen, die Prämien entsprechend anzupassen.

Und diese Absenzen führen auch jenseits der Prämie zu einer Mehrbelastung für die Unternehmen, wie Christoph Bühler, Leiter Personenversicherungen bei Zurich, betont:
«Nebst dem Leid der Betroffenen entstehen Produktivitätsverluste, Mehraufwand für Stellvertretungen, organisatorische Umtriebe, Qualitätsverluste und Terminverzögerungen.» Doch warum fallen mehr Menschen aus – und warum oft länger?

In der Suche nach einer Ursache sind besonders psychische Belastungen auffällig. Sie nehmen insbesondere seit den Coronajahren deutlich zu und führen häufiger zu langen Verläufen – und damit zu höheren Kosten. Gemäss Schmid sind psychisch bedingte Leistungsausfälle einer der Hauptkostentreiber in der kollektiven Krankentaggeldversicherung – und verursachen pro Fall durchschnittliche Kosten von 28’000 Franken, rund acht Prozent mehr als noch im Jahr 2019. Aber auch andere gesellschaftliche und demografische Entwicklungen wie steigendes Alter oder häufigeres Sitzen führen zu steigenden Kosten – z.B. durch Rückenschmerzen. Das führt zunehmend auch bei Unternehmen im Dienstleistungssektor zu vermehrten und längeren Ausfällen.

Eine nachhaltige Behandlung setzt stets an den Ursachen an. Mit Bezug auf das Krankentaggeld ist das die Förderung der (psychischen) Gesundheit – die Prävention. Dabei sei ein ganzheitlicher Ansatz am wirkungsvollsten, wie Bühler ausführt. Angefangen bei einem gesunden Arbeitsumfeld im Unternehmen sowie der Befähigung von Führungskräften, sinnorientiert zu führen und Belastungsanzeichen zu erkennen. Und schliesslich auch bei den Mitarbeitenden selbst: Ein gesunder Lebensstil, der bewusste Umgang mit Stress und die Stärkung der eigenen Resilienz spielen eine zentrale Rolle. Viele Angebote gäbe es bereits, betont auch Schmid: Entscheidend sei nun, sie sinnvoll zu vernetzen, pragmatisch umzusetzen und – gerade für KMU – finanzierbar zu machen.

Lücken schliessen, ohne Fehlanreize zu schaffen und ohne die Angebotsfreiheit unnötig einzuschränken.

Christoph Bühler,

Leiter Personenversicherungen bei Zurich

Da sich krankheitsbedingte Ausfälle nie ganz vermeiden lassen, gilt es, ihre Dauer mit effektiven Wiedereingliederungsmassnahmen kurz zu halten. Insbesondere die Förderung der Teilarbeitsfähigkeit ist dabei zu nennen. Damit das gelingt, ist es laut Bühler wichtig, dass der Wiedereinstieg in Etappen stattfindet, gut geplant, breit abgestützt und realistisch ausgestaltet ist.

Gleichzeitig braucht es für seltene, aber reale Härtefälle eine effektive Lösung. «Im Zentrum steht eine Art Auffanglösung für Unternehmen, die ohne eigenes Verschulden keine KTG-Versicherung finden», sagt Bühler. Mit der geplanten Anpassung im Freizügigkeitsabkommen soll ein Zuweisungsverfahren sicherstellen, dass betroffene Unternehmen nicht zwischen Stuhl und Bank geraten. Schmid betont, dass damit eine Lücke geschlossen wird – «ohne Fehlanreize zu schaffen und ohne die Angebotsfreiheit unnötig einzuschränken».

Am Ende gilt wie in der Medizin: Symptome sollen ernst genommen werden, aber die Therapie muss an den Ursachen ansetzen. Prävention und eine konsequente Wiedereingliederung sind dabei die Grundlage. Mit dem Auffangnetz im Freizügigkeitsabkommen stellen Versicherer daneben sicher, dass auch die drängendsten Belastungen Linderung finden.