Luftaufnahme von vielen geparkten Autos in verschiedenen Farben.

Kleiner Schaden, grosse Kosten

Kontext
19. Juni 2026

Moderne Autos verhindern immer mehr schwere Unfälle. Doch wenn es kracht, wird es teuer. Sensoren, Elektronik und neue Antriebe treiben die Reparaturkosten – und damit auch die Prämien der Motorfahrzeugversicherung – spürbar in die Höhe.

Über 6,5 Millionen Fahrzeuge sind in der Schweiz zugelassen. Für jedes davon ist eine Motorfahrzeugversicherung obligatorisch. Lange blieb das Prämienvolumen gemäss FINMA trotz wachsender Fahrzeugzahl stabil. Doch inzwischen steigen die Kosten deutlich. «Wir sehen einerseits mehr Schadenfälle, andererseits höhere Durchschnittskosten pro Schaden», sagt Philip Herger, Leiter Motorfahrzeugversicherung bei der Zurich und Präsident der entsprechenden Fachkommission des SVV. Co-Präsidentin Michelle Gruner, Leiterin PM Mobilität bei der Mobiliar, beobachtet die gleiche Entwicklung. Neben hohen Inflationsraten liegt der Haupttreiber für die Durchschnittskosten in der Technologie. 

«Ein Auto ist heute ein fahrender Computer», sagt Herger. Moderne Fahrzeuge sind vollgepackt mit Sensoren, Kameras und Assistenzsystemen. Das erhöht die Sicherheit – verteuert aber Reparaturen. Das bestätigt Gabriel Galliker, CEO des Mobilitätsanbieters Carplanet (ehemals Garage Galliker Gruppe). Als Beispiel nennt er die Stossstange. «Früher wurde sie abmontiert, lackiert, ein Sensor ersetzt – fertig. Heute stecken darin Abstandstempomat, Radar- oder Lidarsysteme.» Nach einem Schaden müssen diese Systeme mit spezialisierten Diagnosegeräten geprüft und neu kalibriert werden. «Da kommen schnell mehrere Stunden Zusatzaufwand zusammen.» Ähnlich bei Scheinwerfern oder Frontscheiben: Was früher wenige hundert Franken kostete, kann heute mehrere tausend verschlingen.

Die Mobilität wird insgesamt vielleicht sicherer, aber sie wird auch komplexer – und im Schadenfall teurer.

Philip Herger,

Leiter Motorfahrzeugversicherung bei der Zurich

Denn natürlich: Wenn Hightech-Komponenten betroffen sind, steigen Material- und Arbeitskosten. Kommt hinzu, dass die Hersteller ein Interesse daran haben, möglichst viele Neuteile zu verkaufen. Reparaturen wären technisch oft möglich, doch Vorgaben führen nicht selten zum kompletten Ersatz. «Die Arbeit in den Werkstätten wird anspruchsvoller, Fachkräfte sind gefragt und entsprechend teuer», erklärt Galliker. Zudem investieren Garagen zunehmend in Aus- und Weiterbildung – insbesondere im Bereich Hochvolt- und Batterietechnologie bei Elektrofahrzeugen.

Und dann sind da auch noch extreme Naturereignisse, die an Häufigkeit und vor allem Intensität zunehmen. «Hagelstürme haben in den vergangenen Jahren tausende Fahrzeuge beschädigt», sagt Philip Herger von der Zurich. «Solche Ereignisse treiben die Schadenquote zusätzlich nach oben.» Um den Kostendruck abzufedern, setzen Versicherer verstärkt auf sogenannte Schadensteuerung. In Zusammenarbeit mit ausgewählten Garagen werden Reparaturen gezielt koordiniert und effizient umgesetzt. Denn klar ist: Die Mobilität wird insgesamt vielleicht sicherer, aber sie wird auch komplexer – und im Schadenfall teurer.