Luftaufnahme eines Flusses in einer felsigen Schlucht.

Von Blatten zu Crans-Montana: Was Krisen über Versicherbarkeit lehren

Interview
19. Juni 2026

Stefan Mäder und Urs Arbter im Gespräch über die Rolle der Privatversicherer im Katastrophenfall, die Lehren aus der CS-Krise und warum solides Finanzwissen entscheidend ist für eine nachhaltige Altersvorsorge.

Der verhängnisvolle Felssturz von Blatten im Berichtsjahr 2025 bleibt in prägender Erinnerung. Weshalb ist dieses Ereignis so relevant?

Stefan Mäder: Ein Fels hat ein ganzes Dorf unter sich begraben. Die Naturgewalt war überwältigend – und emotional zutiefst berührend.

Für die Versicherungswirtschaft zeigt Blatten zweierlei: Erstens hat die Prävention funktioniert. Das Dorf im Lötschental wurde zwei Wochen vor dem Felssturz evakuiert – dank moderner Überwachungstechnologie und langjähriger Erfahrung im Umgang mit alpinen Gefahrengebieten. Dass dennoch ein Menschenleben zu beklagen ist, bleibt tragisch. Angesichts des Ausmasses hätte die Bilanz jedoch ungleich schwerer ausfallen können.

Zweitens wurde deutlich, wie entscheidend das Zusammenspiel von Behörden, Rettungskräften und Versicherern ist. Wo Prävention an Grenzen stösst, braucht es funktionierende Strukturen im Ernstfall. Diese Erfahrung verbindet Blatten mit der Brandkatastrophe von Crans-Montana: unterschiedliche Ursachen – aber dieselbe Bewährungsprobe für Verantwortung, Koordination und Verlässlichkeit.

Urs Arbter: Die Versicherungswirtschaft hat ihre Handlungsfähigkeit bewiesen. Innerhalb weniger Monate konnten erhebliche Mittel für versicherte Schäden ausbezahlt werden. Das zeigt, dass wir in der Lage sind, auch bei gravierenden Naturereignissen Liquidität schnell bereitzustellen – was für die Betroffenen ebenso wie für die regionale Wirtschaft sehr wichtig ist.

Zwei Männer in Anzügen stehen vor einer Weltkarte an der Wand.

Stefan Mäder (rechts) und Urs Arbter (links) im Gespräch.

Was hat der Verband aus «Blatten» gelernt?

UA: Dass unsere Krisenorganisation weitgehend funktioniert. Innerhalb weniger Stunden konnten wir die relevanten Gremien einberufen, uns mit unseren Mitgliedern abstimmen und den Kontakt zu den zuständigen Behörden herstellen.
Gerade in einer ausserordentlichen Lage zeigt sich, wie wichtig klare Zuständigkeiten, kurze Entscheidungswege und eine abgestimmte Kommunikation sind. Diese Koordinationsfähigkeit ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eingespielter Strukturen und klarer Verantwortlichkeiten.

Gerade in einer ausserordentlichen Lage zeigt sich, wie wichtig klare Zuständigkeiten, kurze Entscheidungswege und eine abgestimmte Kommunikation sind. Diese Koordinationsfähigkeit ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eingespielter Strukturen und klarer Verantwortlichkeiten.

Blatten hat bestätigt: Der Verband kann die Branche geschlossen handlungsfähig machen – nach innen wie nach aussen. In einer Krise braucht es genau diese Verlässlichkeit.

Welche Besonderheiten galt es zu bewältigen?

SM: In Blatten prallten zwei Realitäten aufeinander. Auf der einen Seite stehen klar definierte Versicherungsverträge, die wir konsequent erfüllen. Auf der anderen Seite entstehen in einer Ausnahmesituation Erwartungen, die über den vertraglich vereinbarten Rahmen hinausgehen.

Der Boden war beispielsweise nicht versichert, dass dieser verloren gehen könnte, erachtete man bisher als zu wenig wahrscheinlich. Ebenso wenig kann der Versicherer einen Betriebsunterbruch ohne entsprechende Deckung übernehmen. Versicherer können nur leisten, was vertraglich vereinbart wurde. Alles andere wäre gegenüber den übrigen Versicherten nicht gerecht. Solidarität funktioniert nur, wenn die vereinbarten Regeln für alle gelten.

Und der Schadenprozess an sich nahm seinen Lauf?

Ja. Die Versicherer haben bei Totalschäden an Gebäuden rasch und unbürokratisch geholfen: 75 Prozent der Versicherungssumme wurde sofort ausbezahlt, um Handlungsspielraum zu schaffen. Die restlichen 25 Prozent folgen bei einem Wiederaufbau. Dieses Vorgehen stellt sicher, dass Mittel verantwortungsvoll eingesetzt und ein nachhaltiger Neubeginn ermöglich werden. Diese vertraglich vereinbarte Regel hilft letztlich auch Blatten und dem Kanton Wallis, den Wiederaufbaugedanken im eigenen Kanton zu halten.

Wo Prävention an Grenzen stösst, braucht es funktionierende Strukturen im Ernstfall.

Stefan Mäder,

Präsident des SVV

Überflutete Holzhäuser in einer grünen Berglandschaft.

Nach dem Felssturz ist ein grossteil von Blatten überschwemmt. Die Privatversicherer helfen rasch und unbürokratisch.

Welche Fragen sind noch offen?

UA: Da die Gemeinde selbst nicht versichert war, steht nicht nur der unmittelbare Sachschaden im Raum, sondern auch der Verlust des kommunalen Steuersubstrats. Damit stellt sich die grundsätzliche Frage, ob und wie Gemeinden und ihre Infrastrukturen künftig systematisch in Versicherungslösungen eingebunden werden soll-ten.
Hinzu kommen raumplanerische und finanzielle Grundsatzfragen: Wo und unter welchen Bedingungen darf künftig gebaut werden? Wer trägt die Kosten für die Infrastruktur, wenn ein Ort faktisch neu errichtet werden muss? Und unter welchen Bedingungen ist ein Wiederaufbau am gleichen Standort verantwortbar?

Blatten ist kein isoliertes Ereignis. Auch andere exponierte Regionen – etwa Brienz im Kanton Graubünden – zeigen, wie dynamisch Naturgefahren im alpinen Raum sind. Für die Versicherungswirtschaft bedeutet das: Prävention, kontinuierliche Risikobeobachtung und verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen gewinnen weiter an Bedeutung.

Wer trägt die Verantwortung – Betreiber, Eigentümer, Gemeinde oder weitere Parteien? Diese Fragen werden die Gerichte klären müssen, bevor die Haftpflichtversicherung greifen kann.

Urs Arbter,

CEO SVV

Das neue Jahr begann mit dem tragischen Brand in Crans-Montana. Welche Rolle spielen die Versicherer im Nachgang?

UA: Die Brandkatastrophe ist zutiefst tragisch und hat auch in unserer Branche grosse Betroffenheit ausgelöst. Dennoch mussten wir schnell handeln, um den Direktbetroffenen rasch und unbürokratisch Hilfestellung bieten zu können.

Unmittelbar nach dem Ereignis griffen die Sozialversicherungen: Die obligatorische Unfallversicherung (UVG) übernimmt bei Angestellten die medizinische Versorgung, für nicht UVG-versicherte Personen kommt die obligatorische Krankenversicherung mit Unfalldeckung zum Zug. Auch ausländische Gäste mit einer Europäischen Krankenversicherungskarte haben Anspruch auf medizinisch notwendige Behandlung. Zusammen mit dem Krankenversicherungsverband prio.swiss galt es für uns, schnellstmöglich den Austausch mit dem Bundesamt für Gesundheit zu suchen und unter anderem die Versicherungsleistungen aufeinander abzustimmen.

Parallel dazu laufen komplexe Haftungsabklärungen: Wer trägt die Verantwortung – Betreiber, Eigentümer, Gemeinde oder weitere Parteien? Diese Fragen werden die Gerichte klären müssen, bevor die Haftpflichtversicherung greifen kann. Wichtig ist: Die medizinische Versorgung ist unabhängig von der Haftungsfrage gesichert.

Im Kanton Wallis ist eine Gebäudeversicherung nicht obligatorisch. Nach der Brandkatastrophe wurden Forderungen nach einem Obligatorium laut. Berechtigt?

SM: In der Debatte wird vieles vermischt. Die Gebäudeversicherung funktioniert zuverlässig – unabhängig davon, ob es sich um eine privatwirtschaftliche Versicherungslösung oder um ein kantonales Gebäudeversicherungsmonopol handelt. Dass es heute private und kantonale Gebäudeversicherer gibt, ist historisch gewachsen. Wichtig zu wissen ist, dass ein Obligatorium auch in privatwirtschaftlich organisierten Kantonen möglich ist. Ein Obligatorium bedeutet lediglich, dass alle mitmachen müssen. Die Frage, ob ein Kanton ein Gebäudeversicherungsobligatorium erlassen will, müssen die Kantone jedoch selber beantworten. Wir sind grundsätzlich der Überzeugung, dass private Anbieter dies besser umsetzen können, weil Wettbewerb Innovation und Produktqualität fördert.

Das Problem von Crans‑Montana lag übrigens nicht im Versicherungsmodell, sondern insbesondere im Vollzug der schweizweit geltenden Brandschutzvorschriften. Diese sind komplex und sehr anspruchsvoll im Vollzug und in der Verantwortung der Kantone.

Kommen wir zu einem anderen Risiko, das in den letzten Monaten für den Verband von Bedeutung war, die Eventualverpflichtung Erdbeben (EVV). Das Parlament hat die Vorlage verworfen, was im Sinne der Versicherungswirtschaft ist. Wie geht es nun weiter?

UA: Die Ablehnung ist ein wichtiges Signal. Die EVV wäre eine staatliche Leistung gewesen – finanziert über eine zusätzliche Abgabe der Hauseneigentümer nach dem Schadenereignis, also im Nachgang. Für die Schweiz wäre es damit eine Scheinlösung gewesen, darum haben auch wir sie abgelehnt.

Positiv ist jedoch die in den letzten Jahren gestiegene Versicherungsdurchdringung. Sie liegt mittlerweile bei 21 Prozent, in den GUSTAVO‑Kantonen gar bei 35 Prozent. Das zeigt, dass das private Versicherungsmodell breitere Sicherheit erzeugt – aber auch dass die Sensibilität in Kantonen mit einem erhöhten Erdbebenrisiko höher ist.

SM: Das Erdbebenrisiko bleibt bestehen. Ergo müssen wir das Bewusstsein weiter stärken. Diskutiert werden muss nun auch wieder, ob Erdbeben als zehntes Elementarschadenrisiko in die obligatorische Deckung aufgenommen werden sollte. Wir würden uns einem Obligatorium nicht verschliessen. Diese politische Debatte wird uns weiter begleiten.

Mann im Anzug mit Brille vor Kartenhintergrund.

Stefan Mäder, Präsident des SVV.

Sprechen wir über ein weiteres wichtiges Themenfeld, die Altersvorsorge. Warum befürwortet der SVV eine Erhöhung des Rentenalters?

SM: Die demografische Realität ist eindeutig: steigende Lebenserwartung, verändertes Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Rentnerinnen und -rentnern. Das Umlageverfahren der AHV gerät deshalb unter Druck. Das Kapitaldeckungsverfahren hingegen setzt auf individuelle Vorsorge, man spart seine eigene Rente respektive das Kapital dazu an. Längeres Arbeiten ist letztlich Teil der Lösung. Wir werden nicht nur älter, wir sind auch länger fit. Erstaunlich ist, wie schwierig es der Schweiz fällt, ein höheres Rentenalter politisch mehrheitsfähig zu machen.

UA: Dafür braucht es Anreize: steuerliche Verbesserungen, flexible Modelle, moderne Arbeitsbedingungen. Eine Stärke unseres Systems ist das Dreisäulenmodell mit einer Kombination von staatlicher, beruflicher und privater Vorsorge. Damit besteht eine Vielzahl potenzieller Hebel, um Anreize für eine zusätzliche Arbeitstätigkeit zu setzen.

SM: Dieses System ist ausgewogen. Zweite und dritte Säule sind einkommensabhängig. Entsprechend wichtig ist es, früh zu vermitteln, dass Vorsorge Eigenverantwortung bedeutet – und dass das Kapital in der zweiten Säule, geäufnet durch Arbeitgeberin und Arbeitnehmende, den Versicherten gehört.

UA: Finanz‑ und Vorsorgewissen sind entscheidend. Der SVV investiert deshalb gezielt in Initiativen zur Steigerung des Finanzwissens. Hierzu arbeiten wir mit Jungparteien zusammen, fördern den Austausch mit dem Parlament und planen einen vertieften Dialog mit den kantonalen Erziehungsdirektionen. Zudem werden bestehende Lernmittel verstärkt vermarktet und neue Lernmedien entwickelt, unter anderem gemeinsam mit der Schweizerischen Nationalbank im Rahmen des Iconomix Moduls «Mit Risiken umgehen».

Immer wieder steht die Regulierung im Zentrum der Verbandsarbeiten. So auch nach dem Untergang der Credit Suisse, der eine Regulierungswelle nach sich zog. Warum sehen Sie bestimmte zusätzliche Instrumente kritisch?

UA: Banken und Versicherer haben unterschiedliche Geschäftsmodelle. Versicherer finanzieren sich über Prämien, investieren langfristig und verfügen über hohe Reserven – der durchschnittliche Schweizer Solvenztest liegt bei rund 270 246 Prozent und ist damit deutlich über den geforderten 100 Prozent. Die bestehende Regulierung greift.
Was uns Sorge bereitet, ist eine undifferenzierte Gleichbehandlung aller Finanzinstitute. Wir dürfen nicht zum Kollateralschaden der Bankenkrise werden. Kritisch sehen wir insbesondere eine Bussenkompetenz der Aufsicht – Aufsicht und Sanktion sollten klar getrennt bleiben.

SM: Regulierung muss sich zudem an Schweizer Gegebenheiten orientieren, nicht an internationalen Blaupausen. Unser politisches System basiert auf Konsens, Zusammenarbeit und gegenseitigem Respekt – das ist ein Erfolgsfaktor unseres Wirtschaftsstandorts, den wir nicht aufgeben dürfen.

Der Verband setzt sich auch prominent für das Krankenzusatzversicherungsgeschäft ein. Was wurde erreicht – und wohin soll die Reise gehen?

UA: Ein Meilenstein war die Neustrukturierung der Leistungsverträge: Über 1’700 Verträge wurden neu verhandelt, heute sind nahezu 100 Prozent mehr als neunzig Prozent transparent und nachvollziehbar. Das erleichtert den Kundinnen und Kunden nicht nur das Verständnis der Leistungen, sondern verbessert auch den Austausch zwischen Versicherungswirtschaft und Leistungserbringern. Für die Versicherten ist der Nutzen klar: Dienstleistungen sind sauber adressiert, Tarife transparent ausgewiesen – sie sehen also genau, wofür sie bezahlen und wofür nicht.

Es wird immer wieder behauptet, die Zusatzversicherung habe eine schwindende Bedeutung. Was sagen sie dazu?

UA: Wir stellen einen Trend von stationären zu ambulanten Zusatzprodukten fest, was die medizinische Entwicklung im Allgemeinen spiegelt. Mit einer Zusatzversicherung lassen sich individuelle Bedürfnisse in Ergänzung zur obligatorischen Grundversicherung abdecken. Dieses Bedürfnis nimmt nicht ab, verändert sich aber in der Ausrichtung. Das Prämienvolumen steigt entsprechend weiterhin jährlich – trotz der medizinischen Entwicklung – leicht an.

Person in Anzug vor Karte.

Urs Arbter, CEO des SVV.

Wir möchten mit einem Rückblick auf das Jubiläum von 125 Jahre SVV schliessen. Welche persönlichen Eindrücke bleiben?

UA: Ich bin stolz, dass wir seit 125 Jahren unsere Mitglieder vertreten dürfen – und dass sich in unseren Gremien rund 700 Mitarbeitende aus den Mitgliedgesellschaften für unsere Branche engagieren. Die Jubiläumsfeier im Landesmuseum hat gezeigt, wie stark der Zusammenhalt ist.

SM: Ich erinnere mich mit grosser Freude an den letztjährigen Tag der Versicherer in Zürich, der ausserordentliche Referate und mit Daniela Stoffel eine Staatssekretärin in Bestform als Festrednerin hervorbrachte. Im Jubiläumsjahr durften wir zudem mehrere neue Mitglieder begrüssen, darunter die AXA als Rückkehrer und die Visana als einen der grossen Krankenversicherer. Das war wie ein Geburtstagsgeschenk und sicher auch ein Zeichen dafür, dass wir Gewicht haben und gehört werden. Das stellen wir auch fest, wenn wir mit Politikerinnen und der Verwaltung sprechen. Mir ist es Anliegen, dass der Verband die Branche eint und im Diskurs mit allen im Parlament vertretenen Parteien Lösungen anstrebt. Der Verband soll, wenn nötig, auch unbequem sein und nicht nur mit dem Strom schwimmen. Dieses Profil verdanken wir nicht zuletzt der Arbeit auf der Geschäftsstelle!