Spielplatz zwischen zwei Gebäuden mit Kiesboden.

Die vierte Säule

Kontext
19. Juni 2026

Neben den drei formellen Säulen gibt es eine vierte, informelle, aber nicht minder wichtige Stütze der Altersvorsorge: der im Alltag praktizierte Generationenvertrag. Dieser wird nicht nur in der klassischen Familie gelebt, sondern zunehmend in modernen Mehrgenerationensiedlungen wie jener im zürcherischen Horgen-Käpfnach.

Romy, Karin, Lukas und Iris stammen aus verschiedenen Generationen, genauer gesagt aus deren zwei. Sie leben alle zusammen in der gleichen Nachbarschaft und fühlen sich dort ausgesprochen wohl. Man ist per Du, kennt sich, schaut zueinander, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Lukas ist der Youngster in der Runde, die sich mit der Journalistin trifft, um über das Leben in der modernen Mehrgenerationensiedlung Käpfnach in der Zürcher Seegemeinde Horgen zu berichten. Zwei Drittel der insgesamt 25 Wohnungen hier sind für die Generation 60plus vorgesehen; die restlichen Einheiten richten sich an Jüngere, insbesondere Familien mit Kindern sind willkommen. Zehn Wohnungen sind für die lokal verankerte Werner-und-Yvonne-Stauffacher-Stiftung reserviert, die betagten oder eingeschränkten Personen mit nachweislich schmalem Budget subventionierten Wohnraum anbietet. Die restlichen Wohnungen werden nach dem Prinzip der Kostenmiete vermietet.

Anders als Lukas haben Romy, Karin und Iris die Berufstätigkeit schon hinter sich, aber beileibe nicht das aktive Leben. In der im Jahr 2020 eröffneten Mehrgenerationensiedlung ist immer etwas los. Die Siedlung hat dem noch immer dörflichen Ortsteil Käpfnach mit seinen schönen alten Häusern neues Leben eingehaucht. In den gut fünf Jahren seines Betriebes hat sich das Gebäudeensemble aus vier modernen Giebeldach-Häusern samt Spielplatz, öffentlichem Café und Kindergarten zu einem Quartiertreffpunkt entwickelt, der auch für Personen aus der Umgebung interessant ist. Schliesslich befindet sich die Mehrgenerationensiedlung direkt vis-à-vis der beliebten Seebadeanstalt Käpfnach, die just vor der Haustüre über eine elegante Passerelle zu erreichen ist. Die Siedlung sei alles andere als ein geschlossener Kosmos, sagt Rebekka Casillo von der Siedlungs- und Wohnassistenz in Horgen, die als Teil der Horgener Altersarbeit der Gemeinde angegliedert ist. Genau das war und ist auch das Ziel des Konzepts.

Vier Personen stehen vor einer Wand mit rotem Text.

Rebekka Casillo (2.v.r.) von der Siedlungs- und Wohnassistenz Horgen spricht mit Karin, Lukas und Iris von der Mehrgenerationensiedlung in Horgen über deren Entwicklung zum Begegnungsraum.

In der Mehrgenerationensiedlung Käpfnach lebt man selbständig und doch zusammen. Man hilft sich, wenn nötig und soweit man kann, feiert gemeinsame Feste, trifft sich zu einem Schwatz auf dem Bänkli unter dem Baum, und auch der Gemeinschaftsraum mit seiner vollausgestatteten Küche wird ausgiebig genutzt. Der persische Abend, der hier stattgefunden hat, ist den Bewohnerinnen noch in lebhafter Erinnerung. Auch für private Familienfeste steht der Raum kostenfrei zur Verfügung. Man schliesst Freundschaften, macht gemeinsame Unternehmungen, geht sogar zusammen in die Ferien. «Wir sind ein tolles Haus», sagt Karin. Karin und Iris lieben die Berge. Karin stellt Iris als ihre «Bergziege» vor. Alle wissen, dass das als Kompliment gemeint ist. Alle lachen.

«Die Siedlung ist zu einem Begegnungsraum geworden», sagt Romy, die aus Horgen stammt und die Siedlung auf einer Velotour zufällig entdeckte, als sie erst in Planung war. Dass sie Karin schon vor ihrem Einzug persönlich kannte, hat mit dem Seebad Käpfnach zu tun; dort trifft man sich, wenn man in Horgen wohnt. «Die Entdeckung war ein Glücksfall», sagt Romy, zumal sie wegen einer Sanierung ihre alte Wohnung aufgeben musste. Lukas, der Junge in der Runde, fand aus beruflichen Überlegungen hierhin. Horgen liegt so ziemlich genau in der Mitte zwischen seinem Arbeitsort und jenem seiner Partnerin.

Im Alltag funktioniert der Generationenvertrag reibungslos. Wenn aber die Sprache auf die Sozialsysteme kommt, sieht es anders aus. Romy, die aus Überzeugung gegen die 13. AHV-Rente ist, denkt, ein höheres Rentenalter sei unausweichlich, wenngleich es ihr für die Jüngeren leidtut. Lukas hingegen setzt auf das Prinzip Hoffnung, auf die Hoffnung, dass er, wenn er selber mal zu den «Alten» gehört, auch so gut und angenehm von seiner Rente leben kann wie die drei Pensionärinnen in der Runde.