
Die Zunahme von Haftpflichtansprüchen und Sammelklagen, insbesondere in den USA und zunehmend auch in Europa, führt zu erheblichen finanziellen Auswirkungen für Versicherer. Prozessfinanzierung und hohe Schadenersatzforderungen sind zentrale Trends.
Social Inflation beschreibt die steigende Schwere von Haftpflichtansprüchen, die über das hinausgeht, was durch wirtschaftliche Faktoren erklärt werden kann. Diese Entwicklung wird durch gesellschaftliche Trends und Verhaltensnormen angetrieben, die zu einer verstärkten Nutzung des Rechtssystems und einem raschen Anstieg der Vergleichssummen führen. In den USA hat sich Social Inflation besonders stark bemerkbar gemacht, was zu erheblichen finanziellen Belastungen für Unternehmen und Versicherer geführt hat. Sammelklagen, insbesondere im Bereich des Konsumentenschutzes, tragen erheblich zu dieser Entwicklung bei. Diese Klagen ermöglichen es grossen Gruppen von Verbrauchern, gemeinsam gegen Unternehmen vorzugehen, was oft zu hohen Schadenersatzforderungen führt. Beispielsweise wurden in den USA in den ersten 5 Monaten des Jahres 2025 43 Fälle von «Nuclear Verdicts®», d.h. erstinstanzliche Urteile über 10 Mio. US-Dollar und 14 Urteile über 100 Mio. US-Dollar, erlassen. Der Begriff «Nuclear Verdicts®» wurde als geschützte Marke registriert.
Studien zeigen, dass Social Inflation in den USA seit Mitte der 2010er-Jahre stark zugenommen hat.19 Die Schwere der Haftpflichtansprüche hat sich signifikant erhöht, was auf eine steigende Anzahl sehr hoher Urteile gegen kommerzielle Beklagte zurückzuführen ist. Diese Entwicklung wird durch die verstärkte Nutzung von auf Psychologie basierten Strategien durch Klägeranwälte, digitale Medienwerbung und Prozessfinanzierung gefördert. Juroren neigen dazu, höhere Entschädigungen zuzusprechen, wenn sie mit Themen wie sozialer Ungerechtigkeit und negativen Einstellungen gegenüber Unternehmen konfrontiert werden. Beispielsweise stieg das durchschnittliche «Nuclear Verdict®» von 76 Millionen US-Dollar (2010-2019) auf 89 Millionen US-Dollar (2013-2022). In anderen Ländern wie Australien, Kanada und Grossbritannien sind ähnliche Trends zu beobachten, wenn auch in geringerem Ausmass.
Die Wahrnehmung von Risiken im Zusammenhang mit Social Inflation und Sammelklagen variiert je nach Region und Branche. In den USA wird das Risiko als besonders hoch eingeschätzt, da die rechtlichen Rahmenbedingungen und gesellschaftlichen Einstellungen dort besonders anfällig für hohe Schadenersatzforderungen sind. In Europa und anderen Teilen der Welt wird das Risiko ebenfalls als steigend wahrgenommen, insbesondere aufgrund der zunehmenden Verfügbarkeit von Prozessfinanzierung und der Ausweitung von Sammelklagen. Unternehmen und Versicherer müssen sich auf eine Zunahme von Haftpflichtansprüchen einstellen, die durch Social Inflation und Sammelklagen getrieben werden. Beispielsweise stieg die Anzahl der Sammelklagen in Europa von 69 im Jahr 2018 auf 133 im Jahr 2023, insbesondere in Deutschland, den Niederlanden, Grossbritannien und Portugal.
Die rechtlichen Rahmenbedingungen spielen eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von Social Inflation und Sammelklagen. In den USA haben gerichtliche Entscheidungen und gesetzliche Reformen dazu beigetragen, die Höhe der Schadenersatzforderungen zu begrenzen. Dennoch bleibt das Risiko hoch, da Klägeranwälte immer neue Wege finden, um hohe Entschädigungen zu erzielen. In Europa könnten neue gesetzliche Regelungen, wie die EU-Richtlinie über Verbandsklagen, die Anzahl und den Umfang von Sammelklagen erhöhen. Diese Entwicklungen erfordern eine Anpassung der rechtlichen Strategien von Unternehmen und Versicherern, um sich gegen überhöhte Forderungen zu schützen. Beispielsweise hat die EU-Richtlinie über Verbandsklagen, die 2020 in Kraft trat, das Potenzial, die Anzahl der Sammelklagen in Europa erheblich zu erhöhen.
Für Versicherer stellt Social Inflation eine erhebliche Herausforderung dar. Die steigenden Schadenersatzforderungen führen zu höheren Prämien und einer erhöhten Unsicherheit bei der Risikobewertung. Versicherer müssen ihre Modelle zur Risikobewertung anpassen und möglicherweise höhere Rückstellungen bilden, um zukünftige Ansprüche abzudecken. Die Prozessfinanzierung trägt ebenfalls zur Unsicherheit bei, da sie die Anzahl und den Umfang von Klagen erhöht. Versicherer müssen daher eng mit ihren Kunden zusammenarbeiten, um präventive Massnahmen zu ergreifen und das Risiko von hohen Schadenersatzforderungen zu minimieren.
Der Zeithorizont für versicherte Ansprüche im Zusammenhang mit Social Inflation und Sammelklagen ist schwer vorherzusagen. Kurzfristig ist mit einer Zunahme von Klagen und hohen Schadenersatzforderungen zu rechnen, insbesondere in den USA. Langfristig könnten gesetzliche Reformen und Anpassungen der rechtlichen Rahmenbedingungen dazu beitragen, das Risiko zu mindern. Dennoch bleibt die Unsicherheit hoch, und Versicherer müssen sich auf eine anhaltende Herausforderung einstellen. Es ist wichtig, kontinuierlich die Entwicklungen im rechtlichen und gesellschaftlichen Umfeld zu beobachten und entsprechende Anpassungen in der Risikobewertung und im Risikomanagement vorzunehmen. Beispielsweise könnte die vollständige Umsetzung der EU-Richtlinie über Verbandsklagen zu einer weiteren Zunahme von Sammelklagen führen.
Emerging Risks sind neuartige, zukunftsbezogene Risiken, die mit unscharfen Konturen am Horizont auftauchen: Ihre Eintrittswahrscheinlichkeit und ihr Schadenausmass sind noch nicht zuverlässig abschätzbar. Im Unterschied zu traditionellen Risiken entwickeln sich «Emerging Risks» dynamisch und über lange Zeiträume hinweg. Ihr volles Schadenpotenzial wird daher häufig erst spät – oder gar erst im Nachhinein – erkennbar.
In regelmässigen Abständen nimmt der SVV daher eine Einschätzung vor und analysiert die wichtigsten Trends und Herausforderungen für die Versicherungsbranche. Die Auswahl basiert jeweils auf technologischen, gesellschaftlichen und ökologischen Trends, regulatorischen Veränderungen sowie auf ihrer Bedeutung für das Underwriting. Die Absicht ist, Frühwarnsignale sichtbar zu machen, Orientierung bei künftigen Entwicklungen zu bieten und damit letztendlich Versicherer und Unternehmen in der Risikobewertung zu unterstützen.
Mehr zum Thema finden Sie hier oder auch in unserer Broschüre.
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