
Umwelt- und Gesundheitsrisiken durch langlebige Kunststoffpartikel nehmen zu. Die Nachweisbarkeit und Zurechnung von Schäden bleiben schwierig, doch die gesellschaftliche und regulatorische Aufmerksamkeit wächst.
Als Mikroplastik werden sehr kleine Kunststoffpartikel bezeichnet, die einen Durchmesser von weniger als fünf Millimeter aufweisen. Diese Partikel können aus einer Vielzahl von Kunststoffarten bestehen. Sie entstehen entweder durch den Zerfall grösserer Kunststoffteile (sekundäres Mikroplastik) oder werden in dieser Grösse hergestellt, wie zum Beispiel in Kosmetikprodukten oder Reinigungsmitteln (primäres Mikroplastik).
Kunststoff ist in fast allen Bereichen des täglichen Lebens zu einem festen Bestandteil geworden. Seine Eigenschaften wie Haltbarkeit, Flexibilität, geringes Gewicht und niedrige Produktionskosten, haben zu seiner weiten Verbreitung beigetragen. Die steigende Beliebtheit führt aber auch zu immer mehr Kunststoffabfall. Gemäss einem Bericht auf der Website des Europäischen Parlaments wurde im Jahr 2021 von jeder in der EU lebenden Person im Durchschnitt 36.1 Kilogramm Verpackungsabfälle aus Kunststoffen erzeugt. Davon wurden etwa 14,7 Kilogramm pro Person recycelt. Nicht recycelte Kunststoffabfälle werden verbrannt, landen auf Deponien oder leider direkt in der Umwelt. Dort zerfallen Kunststoffabfälle über Jahre bis Jahrzehnte in immer kleinere Partikel. Mikroplastik entsteht aber auch durch Produkte und Anwendungen. Hier ist zum Beispiel an den Abrieb von Autopneus im Strassenverkehr zu denken. Als Folge reichert sich Mikroplastik immer mehr in unserer Umwelt an. Diese kleinen Kunststoffpartikel sind langlebig, sehr mobil und bekanntermassen schwer aus der Natur zu entfernen. Alle Ökosysteme sind davon betroffen, und keine Nahrungskette ist unberührt. Die Risiken, die sich aus der hohen Exposition des Menschen ergeben, geben Anlass zu wachsender Sorge. Mikroplastik kann sich negativ auf die Umwelt auswirken, indem es in Gewässer, den Boden und in die Luft gelangt. Es kann Meereslebewesen schädigen, Ökosysteme stören und in die Nahrungskette gelangen. Während das volle Ausmass der Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit noch erforscht wird, gibt es Bedenken hinsichtlich der möglichen Aufnahme von Mikroplastik über Lebensmittel und Wasser, was zu möglichen Gesundheitsrisiken führen kann. Weiter gilt es zu beachten, dass nicht nur die Mikroplastikteilchen, sondern auch deren Inhaltsstoffe (wie Weichmacher, Pigmente und IV-Stabilisatoren), die zusammen mit dem Kunststoff aufgenommen werden, problematisch sind bzw. sein können. Mikroplastik ist ein globales Problem. Allerdings sind vor allem Regionen mit unzureichender Abfallbewirtschaftung häufig mit grösseren Problemen mit der Verschmutzung durch Mikroplastik konfrontiert. Basierend auf verfügbaren Daten aus Studien für die Schweiz schätzt das Bundesamt für Umwelt BAFU, dass jährlich rund 14'000 Tonnen Makro- und Mikroplastik in unsere Böden, Oberflächengewässer und deren Sedimente eingetragen werden. Der Grossteil dieses Kunststoffeintrags stammt aus Reifenabrieb (rund 8'900 Tonnen), gefolgt von Littering (rund 2'700 Tonnen) und zahlreichen weiteren Quellen.
Nachstehend sind einige Risikogruppen aufgelistet, die wesentlich von der «Mikroplastik-Problematik» betroffen sind bzw. sein könnten:
Die wissenschaftliche Forschung zu Mikroplastik hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Es gibt eine Vielzahl von Studien, die sich mit den Auswirkungen von Mikroplastik auf die Umwelt und die Gesundheit befassen. Hier sind einige wichtige Erkenntnisse:
Die öffentliche Risikowahrnehmung zu Mikroplastik ist durch ein wachsendes Bewusstsein und Besorgnis geprägt. Mikroplastik wird zunehmend als Umweltproblem erkannt, das sowohl die Ökosysteme als auch die menschliche Gesundheit beeinträchtigen kann. Berichte in den Medien haben dazu beigetragen, das Bewusstsein für die weit verbreitete Präsenz von Mikroplastik in Ozeanen, Flüssen, Böden und sogar in Lebensmitteln und Trinkwasser zu schärfen. Viele Regierungen und Organisationen weltweit reagieren auf diese Bedenken, indem sie Massnahmen zur Reduktion von Kunststoffabfällen ergreifen und die Forschung zu den Auswirkungen von Mikroplastik fördern. Diese Massnahmen umfassen häufig Beschränkungen für Einwegkunststoffe, Richtlinien für die Entsorgung von Kunststoffabfällen und Bemühungen zur Minimierung der Freisetzung von Mikroplastik. Das BAFU verweist hierzu auf Diskussionen über dringende Massnahmen zur Reduktion der Umweltbelastung durch Kunststoffe in der Schweiz wie auch im Ausland. Das BAFU setzt sich auch auf internationaler Ebene für einen nachhaltigen Umgang mit Kunststoffen ein und engagiert sich in internationalen Gremien (z. B. Ausarbeitung einer «Plastikkonvention»).
Bisher sind wenige Schadenersatzklagen bekannt, die sich direkt auf Mikroplastik beziehen, da es schwierig ist, solche Schäden und Verantwortlichkeiten einander eindeutig zuzuordnen.
Nachstehend werden einige Herausforderungen aufgelistet:
Es gibt jedoch zunehmende Anstrengungen von Umweltgruppen und Anwälten, rechtliche Wege zu finden, um Unternehmen zur Verantwortung zu ziehen, die erheblich zur Verschmutzung durch Plastik beitragen. Diese Bemühungen könnten in Zukunft zu mehr Schadenersatzklagen führen, insbesondere wenn die Forschung weitere Beweise für die schädlichen Auswirkungen von Mikroplastik liefert und die rechtlichen Rahmenbedingungen sich weiterentwickeln.
Die Betriebs- und Produkthaftpflichtversicherungen schliessen Personen- und/oder Sachschäden bei Dritten im Zusammenhang mit Mikroplastik nicht explizit aus. Im Umkehrschluss kann daher in den meisten Fällen von einem Versicherungsschutz ausgegangen werden. Der Versicherungsschutz ist einerseits vom gewährten Deckungsumfang und andererseits von den konkreten Umständen abhängig, die zum Schadenereignis geführt haben. Ansprüche im Zusammenhang mit Umweltbeeinträchtigungen sind nur versichert, wenn sie nachweislich auf einen Störfall zurückzuführen sind. In den meisten Fällen handelt es sich bei Mikroplastik aber um kontinuierliche Emissionen in die Umwelt, die über die Zeit zu einer Anreicherung in der Umwelt führen.
Wie dargelegt, sind Ansprüche im Zusammenhang mit Mikroplastik bereits heute möglich. Es ist davon auszugehen, dass solche Ansprüche in den nächsten Jahren/Jahrzehnten zunehmen werden, insbesondere wenn wissenschaftliche, regulatorische und gesellschaftliche Entwicklungen weiter voranschreiten. Unternehmen sollten daher proaktiv Massnahmen ergreifen, um ihre Verantwortung in Bezug auf Mikroplastik wahrzunehmen und potenzielle rechtliche Risiken zu minimieren. Wegen ihrer Langlebigkeit, Vielfalt, Verbreitung und der laufenden Forschung sind es lange Zeiträume, welche die Versicherer bei der Deckung in Betracht ziehen müssen. Da Kunststoffe schon Jahrzehnte genutzt werden, müssen Versicherer im Rahmen der Deckung also an Jahrzehnte (und auch an einen geeigneten Trigger) denken.
Emerging Risks sind neuartige, zukunftsbezogene Risiken, die mit unscharfen Konturen am Horizont auftauchen: Ihre Eintrittswahrscheinlichkeit und ihr Schadenausmass sind noch nicht zuverlässig abschätzbar. Im Unterschied zu traditionellen Risiken entwickeln sich «Emerging Risks» dynamisch und über lange Zeiträume hinweg. Ihr volles Schadenpotenzial wird daher häufig erst spät – oder gar erst im Nachhinein – erkennbar.
In regelmässigen Abständen nimmt der SVV daher eine Einschätzung vor und analysiert die wichtigsten Trends und Herausforderungen für die Versicherungsbranche. Die Auswahl basiert jeweils auf technologischen, gesellschaftlichen und ökologischen Trends, regulatorischen Veränderungen sowie auf ihrer Bedeutung für das Underwriting. Die Absicht ist, Frühwarnsignale sichtbar zu machen, Orientierung bei künftigen Entwicklungen zu bieten und damit letztendlich Versicherer und Unternehmen in der Risikobewertung zu unterstützen.
Mehr zum Thema finden Sie hier oder auch in unserer Broschüre.
Zehn Emerging Risks erklärt: Relevanz für Haftpflicht- und Rückversicherung, Trends, Regulierungsdruck und Auswirkungen auf Underwriting und Risikomanagement.

Zunehmende Extremwetterereignisse treffen auf eine geschwächte Natur und erhöhen die Umwelt‑, Gesundheit‑ und Haftungsrisiken.

Die Kreislaufwirtschaft erfordert reparier- und recycelgerechtes Design und verändert Materialien und Prozesse mit Auswirkungen auf Produktsicherheit, Regulierung und Haftung.
