Rissiger, ausgetrockneter Boden.

Der Klimawandel als Emerging Risk in der Haftpflichtversicherung

Kontext
4. März 2026

Extremwetterereignisse nehmen zu, regulatorische Anforderungen steigen und Unternehmen sehen sich mit neuen Haftungsrisiken konfrontiert. Langfristige Schadenszenarien und internationale Regulierungen prägen die Risikolandschaft. 

Risikobeschreibung 

Extremwetterereignisse, wie Starkniederschlag und Waldbrände, treten heutzutage in Gebieten und in einem Ausmass auf, wie wir es in der Vergangenheit nicht beobachten konnten. Dies steht im Einklang mit den Klimamodellen, die weltweit mehr Extremwetterereignisse vorhersagen. Diese Ereignisse treffen dann gleichzeitig auf eine nicht-intakte Natur, was das Schadenausmass verstärkt. 

Wissenschaftliche Erkenntnisse 

Für die Zukunft sind sich Wissenschaftler einig, dass Kipppunkte im Bereich Klima und Natur erreicht werden können, die eine Bedrohung für die lebenserhaltenden Systeme unseres Planeten und die Stabilität unserer Gesellschaft darstellen.  

Kipppunkte sind Schwellenwerte, deren Überschreiten zu abrupten und/oder irreversiblen Systemveränderungen führt, die global Wälder, Eisschilde, Permafrostböden, Korallenriffe oder Meeresströmungen betreffen. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass wichtige Kipppunkte bereits bei der derzeitigen Erwärmung «möglich» sind und innerhalb der im Pariser Abkommen festgelegten Spanne von 1,5 bis 2 °C Erwärmung «wahrscheinlich» werden könnten.  

Das Auslösen eines Kipppunkts im Erdsystem könnte einen weiteren Kipppunkt auslösen und damit einen Dominoeffekt mit zunehmenden Schäden verursachen. Das Absterben des Amazonas, der Zusammenbruch von Eisschilden, das Auftauen von Permafrostböden, Änderungen der atlantischen meridionalen oder der antarktischen Umwälzzirkulation haben alle das Potenzial, sich auf die Wasser-, Lebensmittel- und Energiesicherheit, die Gesundheit, die Ökosystemleistungen, die Gemeinschaften und die Wirtschaft in der Schweiz auszuwirken. 

Die Schweiz kann diese globalen Entwicklungen zwar nicht beeinflussen, spürt die negativen Auswirkungen in Form von extremen Wetterereignissen und anderen Ereignissen (Pandemien) in Zukunft aber mit grosser Wahrscheinlichkeit auch. Eine globale Erwärmung von 1,5°C würde in etwa einer Erwärmung von drei Grad in der Schweiz entsprechen. In diesem Szenario wird sich das Abschmelzen der Alpengletscher beschleunigen, und es wird in tieferen Lagen weniger Schnee geben. Generell wird es im Sommer – wenn die Landwirtschaft am meisten Wasser braucht – weniger und im Winter mehr regnen. 

Da wir heute in einer polarisierten Welt leben, in der die notwendige internationale Zusammenarbeit zur Bewältigung negativer Entwicklungen zunehmend eingeschränkt wird, nimmt die Wahrscheinlichkeit solcher Schadenereignisse auch in der Schweiz zu.  

Risiken für Infrastruktur, Eigentum und natürliche Ressourcen 

  • Mehr extreme Wetterereignisse wie Waldbrände, Dürren, Fluten, Felsstürze und Erdrutsche mit stärkeren Auswirkungen, auch in bisher nicht gefährdeten Gebieten (geografische Verschiebung), wodurch finanzielle Verluste zunehmen und Migration notwendig werden kann. Verlust des natürlichen Schutzes, z. B. gegen Fluten aufgrund des Fehlens von geplanten Überschwemmungsgebieten oder Wäldern zum Zurückhalten von Starkniederschlägen.
  • Verschmutzung von Oberflächen- und Grundwasser sowie Böden, wenn Fluten Schadstoffe in der Umwelt verteilen. 

Gesundheitliche Risiken 

  • Hitze- und kältebedingte verringerte körperliche Arbeitsfähigkeit und negative Auswirkungen auf Morbidität und Mortalität, insbesondere bei Menschen mit bereits bestehenden Gesundheitsstörungen.
  • Die Freisetzung von Viren und Bakterien (durch das Auftauen des Permafrosts) und das Überspringen von Krankheitserregern auf den Menschen (durch die zunehmende Interaktion zwischen Menschen und Tieren) erhöhen das Pandemie- und Epidemiepotenzial.
  • Zerfall sozialer Normen, sozialer Bindungen und der sozialen Realität, was zu einer Verschlechterung der Reaktion von Gesellschaften in Krisenzeiten und bei Individuen zu einer Schädigung der psychischen Gesundheit und erhöhten Selbstmordraten und/oder abweichendem Verhalten führt. 

Geopolitische Risiken und Konflikte 

  • Verschwinden von Inseln und Staaten (durch den Anstieg des Meeresspiegels), was Auswirkungen auf Ländergrenzen und internationale Verträge hat.
  • Innerstaatliche und internationale Migration.
  • Spannungen und Konflikte um Wasser innerhalb von Ländern (Bedarf der Landwirtschaft, der Industrie, der Bevölkerung, des Tourismus usw.) und zwischen Ländern (z. B. Mekong-, Nil- und Indus-Konflikte).
  • Zunehmende Radikalisierung und Polarisierung innerhalb der Gesellschaft.
  • Regulierung und Rechtsstreitigkeiten.
  • Zunehmende Anforderungen an die Berichterstattung aller Unternehmen über ihre Auswirkungen auf die Natur (ESG/Nachhaltigkeitsberichte). 

Mehr Rechtsstreitigkeiten im Zusammenhang mit dem Klimawandel und der Natur aufgrund von Unternehmen, die für die Auslösung oder Mitwirkung an den oben genannten Ereignissen und Auswirkungen haftbar gemacht werden können und die Vorschriften zum Klimawandel nicht einhalten, nicht ordnungsgemäss offenlegen, ihre Produkte irreführend offenlegen oder klimabezogene Risiken nicht richtig handhaben. 

Risikowahrnehmung 

Die Risikowahrnehmung war in der Vergangenheit auf Stufe der Regierungen und in der Zivilgesellschaft vorhandenda, was sich in den internationalen Konferenzen und Vereinbarungen zum Klima- und Biodiversitätsschutz gezeigt hat. Aufgrund von kriegerischen Auseinandersetzungen, Handelskriegen und der Änderung von politischen Prioritäten in einigen Ländern, sind die Themen jetzt nicht mehr im Fokus. Zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Artikels muss deshalb davon ausgegangen werden, dass die erzielten Fortschritte verloren gehen und weitere nicht mehr erreicht werden können.  

Dies ist für die Schweiz wichtig, da die globalen Treiber der Klima- und Naturzerstörung ausserhalb der Schweiz liegen; die negativen Effekte, z. B. in Form von Extremwetterereignissen und Pandemien, sich aber – wie schon vorgängig im Text erwähnt – auch hier materialisieren werden. Die Schweiz kann nur noch auf diese Ereignisse reagieren, indem sie ihre eigene Vorsorge im Bereich Pandemie und Epidemie und im Bereich Erhaltung der Schutzwirkung gegen Extremwetterereignisse optimiert. 

Haftpflichtrechtliche Relevanz  

Im Bereich der EU sind verschiedene Regularien wichtig: 

  • Die Gesetzgebungen in Bezug auf Produkthaftpflicht.
  • Die Umwelthaftpflichtrichtlinien.
  • Das Lieferkettenkontrollgesetz.
  • Die verschiedenen Regularien zur Kreislaufwirtschaft.
  • Die Taxonomie zu nachhaltigen Investitionen.
  • Die Gesetzgebung zur Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen. 

Alle diese Regularien definieren Auflagen, die Unternehmen in der EU erfüllen müssen und deren Nichteinhaltung unter Umständen nachfolgend eine Verletzung des Haftpflichtrechts darstellt.  

Die Adaption der Gesetzgebungen innerhalb der Schweiz variiert stark und ist auch Änderungen unterworfen. 

Haftpflichtversicherungstechnische Relevanz 

Haftpflichtversicherungsprodukte/ -deckungen, die betroffen sein könnten: 

  • Allgemeine Betriebshaftpflicht.
  • Produkthaftpflicht.
  • Umwelthaftpflicht.
  • Berufshaftpflicht (z. B. Planungs- und Ingenieurbüros, Beratungsunternehmen, Rechnungsprüfer).
  • Berufshaftpflicht für Verwaltungsräte und Geschäftsleitungen (D&O).
  • Arbeiterunfallversicherung und Arbeitgeberhaftpflicht, wenn Sorgfaltspflichten verletzt wurden und die staatlichen Versicherer Regress fordern. 

Zeithorizont für versicherte Ansprüche 

Da Klima- wie auch Umweltprozesse langsam ablaufen, liegt zwischen der potenziellen Schadenverursachung und der Materialisierung des Schadens in der Regel ein langer Zeitraum. Wissenschaftliche Erkenntnisse haben schon dazu geführt, dass lange zurückliegende schadenauslösende Ereignisse einem Verursacher zugeordnet werden konnten. Dies könnte in der Zukunft zu Haftpflichtansprüchen führen. Wenn Schadenabwehrkosten gedeckt sind, kann dies zu Kosten für Versicherer führen. Sollte der Versicherer aufgrund der langen Latenzzeiten die Deckung ablehnen, muss er sich auf die Klärung der Rechtslage vor Gericht einstellen. 

Was sind «Emerging Risks»?

Emerging Risks sind neuartige, zukunftsbezogene Risiken, die mit unscharfen Konturen am Horizont auftauchen: Ihre Eintrittswahrscheinlichkeit und ihr Schadenausmass sind noch nicht zuverlässig abschätzbar. Im Unterschied zu traditionellen Risiken entwickeln sich «Emerging Risks» dynamisch und über lange Zeiträume hinweg. Ihr volles Schadenpotenzial wird daher häufig erst spät – oder gar erst im Nachhinein – erkennbar. 

In regelmässigen Abständen nimmt der SVV daher eine Einschätzung vor und analysiert die wichtigsten Trends und Herausforderungen für die Versicherungsbranche. Die Auswahl basiert jeweils auf technologischen, gesellschaftlichen und ökologischen Trends, regulatorischen Veränderungen sowie auf ihrer Bedeutung für das Underwriting. Die Absicht ist, Frühwarnsignale sichtbar zu machen, Orientierung bei künftigen Entwicklungen zu bieten und damit letztendlich Versicherer und Unternehmen in der Risikobewertung zu unterstützen. 

Mehr zum Thema finden Sie hier oder auch in unserer Broschüre.