
Digitale Technologien haben sich in den letzten Jahren rasant entwickelt und mit süchtig machender Software sowie Social Media neue gesellschaftliche Risiken geschaffen. Die Auswirkungen intensiver Nutzung zeigen Parallelen zu klassischen Suchterkrankungen, während gleichzeitig die Zahl der regulatorischer Initiativen und Klagen gegen Anbieter zunimmt.
Die rasante Entwicklung der digitalen Technologien in den letzten Jahren hat zu erheblichen Bedenken hinsichtlich süchtig machender Software und den damit verbundenen Risiken geführt. Dieses Phänomen umfasst verschiedene Formen der digitalen Sucht. Zu erwähnen sind insbesondere die Internetnutzung an sich, Computerspiele und die stark im Fokus stehende Nutzung von sozialen Medien. Hinsichtlich der Auswirkungen des exzessiven Konsums lassen sich ähnliche Verhaltensmuster wie bei den herkömmlichen Substanzabhängigen Personen beobachten.
Arten der digitalen Sucht
Digitale Sucht als Oberbegriff lässt sich in folgende Untertypen unterteilen:
Suchtverhalten durch die Nutzung von sozialen Medien
Soziale Medien sind Plattformen, die es Nutzern ermöglichen, Inhalte zu erstellen, zu teilen und miteinander zu interagieren. Die bekanntesten Social-Media-Plattformen sind unter anderem TikTok, Snapchat, Facebook, Instagram, Twitter, Pinterest, Reddit oder Discord. Die Abhängigkeit von sozialen Medien, oft als Social-Media-Sucht bezeichnet, ist ein wachsendes Problem. Sie manifestiert sich in zwanghaftem Verhalten wie endlosem Scrollen durch Feeds, dem Streben nach externer Bestätigung durch Likes und Kommentare sowie einer erhöhten Angst, etwas zu verpassen (fear of missing out).
Ursachen der Abhängigkeit
Die Gründe für die Sucht nach sozialen Medien sind vielfältig:
Suchtmechanismen
Der Suchtcharakter digitaler Plattformen wird weitgehend auf deren Design zurückgeführt. Zu den von diesen Plattformen eingesetzten Techniken gehören:
Die Forschung zu digitalen Süchten hat sich von ersten beschreibenden Untersuchungen hin zu detaillierten neurobiologischen, psychologischen und verhaltenswissenschaftlichen Analysen entwickelt.
Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass digitale Medien dieselben Belohnungssysteme im Gehirn aktivieren wie klassische Suchtmittel und damit suchtähnliches Verlangen und Verhaltensabhängigkeit fördern können.
Psychologische Forschung belegt, dass insbesondere Personen mit geringem Selbstwert, hoher Belastung oder fehlendem sozialem Rückhalt gefährdet sind; bei Jugendlichen werden vermehrt Konzentrationsstörungen, Schlafprobleme und depressive Symptome im Zusammenhang mit intensiver Social-Media-Nutzung beobachtet.
Langzeitstudien weisen auf Zusammenhänge zwischen hohem Social-Media-Konsum und depressiven Verstimmungen, Angstzuständen sowie Schlafstörungen hin, wobei gegenwärtig von einer bidirektionalen Beziehung ausgegangen wird (psychische Belastung ↔ problematische Nutzung).
Verhaltenswissenschaftlich gilt als gesichert, dass Plattformen mittels Designmerkmalen wie variabler Verstärkung, sozialem Vergleich und Verlustaversion gezielt auf längere und häufigere Nutzung ausgerichtet sind und damit suchtähnliches Verhalten begünstigen.
Insgesamt stützt die aktuelle Evidenz die Einschätzung, dass süchtig machende Software ein relevantes gesellschaftliches und gesundheitspolitisches Risiko darstellt, auch wenn zusätzlicher Forschungsbedarf zu Langzeitfolgen, Prävention und Diagnostik besteht.
Grundsätzlich werden die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit kontrovers diskutiert. Die Studienlage ist nicht eindeutig. Das Lager, das einen möglichen Zusammenhang zwischen digitaler Sucht und psychischen Problemen erkennt, scheint zunehmend an Anhänger zu gewinnend. Die zwanghafte Nutzung von Technologie kann zu erhöhtem Stress, Angstzuständen und Depressionen führen. Das Ministerium für Gesundheitspflege und Soziale Dienste der Vereinigten Staaten (HHS Gov) hat diese Risiken, insbesondere bei Jugendlichen, hervorgehoben und bereits rechtliche Schritte gegen grosse Technologieunternehmen wegen ihrer Rolle bei der Förderung von Suchtverhalten eingeleitet.
Grundsätzlich werden die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit kontrovers diskutiert. Die Studienlage ist nicht eindeutig. Das Lager, das einen möglichen Zusammenhang zwischen digitaler Sucht und psychischen Problemen erkennt, scheint zunehmend an Anhänger zu gewinnend. Die zwanghafte Nutzung von Technologie kann zu erhöhtem Stress, Angstzuständen und Depressionen führen. Das Ministerium für Gesundheitspflege und Soziale Dienste der Vereinigten Staaten (HHS Gov) hat diese Risiken, insbesondere bei Jugendlichen, hervorgehoben und bereits rechtliche Schritte gegen grosse Technologieunternehmen wegen ihrer Rolle bei der Förderung von Suchtverhalten eingeleitet.
Als Reaktion auf diese aufkommenden Risiken gibt es Forderungen nach regulatorischen Massnahmen:
Die haftpflichtrechtliche Relevanz von Addictive Software oder Social Media ist ein zunehmend wichtiges Thema, insbesondere im Hinblick auf eine mögliche Produkthaftung.
Mit der neuen Produkthaftungsrichtlinie der Europäischen Union (ProdHaftRL) wird die Haftung für Softwarehersteller verschärft. Diese Richtlinie sieht vor, dass Software, einschliesslich Stand-Alone-Software, als Produkt gilt, und man als Anbieter somit haftbar gemacht werden kann, wenn sie fehlerhaft ist oder Schäden verursacht. Dies betrifft auch süchtig machende Software, die psychische oder physische Schäden bei den Nutzerinnen und Nutzern verursachen kann.
Die zunehmende süchtig machende Gestaltung digitaler Dienste hat zu einer verstärkten Diskussion über den Konsumentenschutz geführt. Die Europäische Union arbeitet am Digital Services Act (DSA), der darauf abzielt, einen sichereren digitalen Raum zu schaffen und Onlineplattformen für die von ihnen gehosteten Inhalte zur Verantwortung zu ziehen. Dies umfasst auch Massnahmen gegen süchtig machende Designs und Praktiken.
Es gibt zahlreiche Klagen bezüglich süchtig machender Software und sozialer Medien. Nachstehend einige Beispiele:
In den USA wurden Hunderte von Klagen zu einer Multi-District Litigation (MDL) im Northern District of California zusammengefasst. Kläger, darunter Einzelpersonen, Familien und staatliche Stellen, behaupten, dass grosse Social-Media-Plattformen wie Meta (Facebook und Instagram), ByteDance (TikTok), Snap Inc. (Snapchat) und Alphabet (YouTube) ihre Plattformen absichtlich süchtig machend gestaltet haben, insbesondere für junge Nutzerinnen und Nutzer. Mehrere Schulbezirke haben Klagen gegen Social-Media-Unternehmen eingereicht und behaupten, dass die Plattformen zu einem Anstieg der psychischen Gesundheitsprobleme bei Schülerinnen und Schülern beigetragen haben. Diese Klagen fordern Entschädigungen für die Kosten von Programmen zur psychischen Gesundheit und anderen Massnahmen zur Bekämpfung der Social-Media-Sucht.
In Grossbritannien hat der Fall von Molly Russell erhebliche Aufmerksamkeit auf die Auswirkungen sozialer Medien auf die psychische Gesundheit gelenkt. Ihre Eltern setzen sich für strengere Vorschriften und Verantwortlichkeit der Social-Media-Unternehmen ein und betonen die Rolle dieser Plattformen in ihrem tragischen Tod.
In Australien gab es rechtliche Schritte und behördliche Überprüfungen bezüglich der Auswirkungen sozialer Medien auf die psychische Gesundheit. Die australische Regierung hat Untersuchungen durchgeführt und Berichte erstellt, welche die Notwendigkeit einer besseren Regulierung und Verantwortlichkeit der Social-Media-Unternehmen betonen.
Diese Klagen und regulatorischen Massnahmen bzw. Entwicklungen widerspiegeln die wachsende globale Besorgnis über die Auswirkungen sozialer Medien und süchtig machender Software auf die psychische Gesundheit, insbesondere bei jungen Nutzerinnen und Nutzern.
Je nach Definition der Personenschäden bzw. des Deckungsumfangs, fallen entsprechende Ansprüche unter den Versicherungsschutz der verschiedenen Haftpflichtversicherungen (Betriebs- und/oder Berufshaftpflicht).
In Bezug auf Vermögensschäden sind insbesondere D&O-Versicherungen sowie Berufshaftpflichtversicherungen exponiert. Grundsätzlich ist in allen Haftpflichtversicherungssparten vermehrt mit Ansprüchen zu rechnen.
Naher bis mittlerer Zeithorizont. Eine rasche Entwicklung der Technologie wird vermutet. Zudem ist der Zeithorizont von der Entwicklung der Gesetzgebung und Rechtsprechung abhängig.
Emerging Risks sind neuartige, zukunftsbezogene Risiken, die mit unscharfen Konturen am Horizont auftauchen: Ihre Eintrittswahrscheinlichkeit und ihr Schadenausmass sind noch nicht zuverlässig abschätzbar. Im Unterschied zu traditionellen Risiken entwickeln sich «Emerging Risks» dynamisch und über lange Zeiträume hinweg. Ihr volles Schadenpotenzial wird daher häufig erst spät – oder gar erst im Nachhinein – erkennbar.
In regelmässigen Abständen nimmt der SVV daher eine Einschätzung vor und analysiert die wichtigsten Trends und Herausforderungen für die Versicherungsbranche. Die Auswahl basiert jeweils auf technologischen, gesellschaftlichen und ökologischen Trends, regulatorischen Veränderungen sowie auf ihrer Bedeutung für das Underwriting. Die Absicht ist, Frühwarnsignale sichtbar zu machen, Orientierung bei künftigen Entwicklungen zu bieten und damit letztendlich Versicherer und Unternehmen in der Risikobewertung zu unterstützen.
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