Frau sitzt am Tisch und arbeitet lächelnd an einem Laptop.

«Geld darf keine Blackbox sein»

Interview
10. September 2026

Johanna Aebi ist CEO von Young Enterprise Switzerland (YES). Die Organisation bringt Wirtschafts- und Finanzbildung in Schweizer Klassenzimmer. Im Gespräch betont Aebi, weshalb Jugendliche sich durchaus für Geld interessieren, welche Rolle Kryptowährungen und Social Media in ihrer Lebenswelt spielen und weshalb fehlendes Finanzwissen bestehende Ungleichheiten verschärfen kann.

Frau Aebi, Sie sind CEO von YES. Die Organisation bereitet Schülerinnen und Schüler mit praxisnahen Bildungsprogrammen auf ihre persönliche und berufliche Zukunft vor. Was überrascht Sie in Ihrer Arbeit mit Jugendlichen am meisten, wenn es um Geld und Finanzen geht?

Johanna Aebi: Entgegen der oft verbreiteten Wahrnehmung interessiert das Thema Geld Schülerinnen und Schüler durchaus. Dabei interessieren sie sich teilweise für andere Themen, als Erwachsene erwarten würden. Gleichzeitig gibt es noch immer viele Hemmungen, über Geld zu sprechen. Was wir immer wieder beobachten: Wenn man Jugendlichen Verantwortung überträgt, übernehmen sie diese auch. Sobald sie merken, dass man ihnen etwas zutraut, nehmen sie die Aufgabe ernst.

 

Wenn man Jugendlichen Verantwortung überträgt, übernehmen sie diese auch. Sobald sie merken, dass man ihnen etwas zutraut, nehmen sie die Aufgabe ernst.

Johanna Aebi

Haben Sie ein Beispiel?

Johanna Aebi: Wir geben zum Beispiel Kindern der vierten bis sechsten Primarklasse zehn Franken pro Person. Mit diesem Geld sollen sie gemeinsam ein kleines unternehmerisches Projekt entwickeln. Am Ende muss der ursprüngliche Betrag zurückbezahlt werden. Allein die Botschaft «Ihr seid für dieses Geld verantwortlich, und wir trauen euch zu, damit umzugehen», bewirkt sehr viel. 

 

Sie sagen, Jugendliche interessieren sich teilweise für andere Finanzthemen, als Erwachsene erwarten würden. Wo zeigt sich das besonders?

Johanna Aebi: Erwachsene gewichten Versicherungen und Altersvorsorge besonders stark und fragen diese Themen bei uns nach. Dagegen interessieren sich Schülerinnen und Schüler häufig für Kryptowährungen.

 

Woher kommt das? 

Johanna Aebi: Kinder und Jugendliche begegnen Geldfragen heute an sehr vielen Orten. Nicht zuletzt auch auf Social Media. Was mir dabei Sorgen macht: Gerade dort, wo Geld knapp ist, kann es besonders verlockend sein, wenn einem auf TikTok versprochen wird, man könne praktisch über Nacht reich werden. Deshalb braucht es einen Ort, an dem Jugendliche solche Fragen stellen können, ohne dass man sie belächelt oder ihnen sagt, dass sie noch zu jung für solche Themen seien. 

 

Wie erklärt man ein komplexes Thema wie Kryptowährungen altersgerecht?

Johanna Aebi: Wir haben zunächst versucht, Kryptowährungen und Blockchain direkt zu erklären. Dabei haben wir gemerkt, dass das sehr schnell, sehr komplex wird. Heute vermitteln wir das deshalb stärker die Grundprinzipien des Investierens: zum Beispiel, dass die Aussicht auf eine hohe Rendite meist auch ein höheres Risiko bedeutet. Solche Zusammenhänge können Jugendliche verstehen, ohne jedes technische Detail einer Kryptowährung kennen zu müssen. So sollten bei ihnen dann auch die Alarmglocken läuten, wenn ein grosses Versprechen z.B. auf TikTok gemacht wird.

 

Können solche Themen also auch eine Gelegenheit sein, Finanzwissen grundsätzlich verständlicher zu machen?

Johanna Aebi: Ja. Wenn wir mit Jugendlichen arbeiten, müssen wir versuchen, ihre Lebenswelt zu verstehen und zu erkennen, wo sie tatsächlich mit Finanzfragen konfrontiert werden. Gleichzeitig wird Geld immer weniger haptisch. Pädagogisch ist das relevant, weil Kinder stark über konkrete Erfahrungen und über ihre Sinne lernen. Bei einem Sparschwein ist unmittelbar sichtbar: Wenn ich etwas hineinlege, wird es mehr; wenn ich etwas herausnehme, wird es weniger. Bei digitalen Zahlungen wird dieser Zusammenhang abstrakter. Je unsichtbarer Geld wird, desto wichtiger wird es, darüber zu sprechen.

Je unsichtbarer Geld wird, desto wichtiger wird es, darüber zu sprechen.

Johanna Aebi

Was verstehen Sie unter Finanzwissen?

Johanna Aebi: Für mich besteht Finanzkompetenz aus drei Elementen: Wissen, Anwendung und Haltung. Jugendliche sollen Begriffe verstehen, dieses Wissen anwenden können, etwa beim Erstellen eines Budgets und den Mut entwickeln, eigene finanzielle Entscheidungen zu treffen. Am Ende geht es nicht darum, möglichst viele Fachbegriffe zu kennen, sondern darum, bewusste und informierte Entscheidungen zu treffen. Das kann eine grosse Entscheidung sein oder etwas Alltägliches, etwa die Frage, ob es einen zusätzlichen In-App-Kauf wirklich braucht.

 

Nicht alle Jugendlichen erhalten dieses Wissen zu Hause. Was passiert, wenn Finanzwissen im Elternhaus nicht vermittelt wird?

Johanna Aebi: Dann entsteht schnell ein struktureller Nachteil. Wenn du niemanden hast, der mit dir darüber spricht, bist du von Anfang an im Nachteil. Auf die Gesellschaft übertragen kann das bestehende Ungleichheiten verstärken.

Wenn du niemanden hast, der mit dir darüber spricht, bist du von Anfang an im Nachteil.

Johanna Aebi

Welche finanzielle Kompetenz sollte jeder junge Mensch besitzen, bevor das erste eigene Einkommen kommt?

Johanna Aebi: Die eigenen Einnahmen und Ausgaben selbst managen zu können. Das klingt einfach, ist aber zentral. Wer versteht, was hereinkommt und was hinausgeht, betreibt bereits Schuldenprävention. Dazu gehört auch, sparen zu können und zu verstehen: Diesen Betrag lege ich jetzt zur Seite und fasse ihn nicht an, bis ich ihn brauche.

 

Sprechen wir über YES. Wie arbeiten Sie konkret mit Lehrpersonen und Unternehmen zusammen?

Johanna Aebi: Wir verstehen uns als Vermittlerin zwischen Bildung und Wirtschaft. Eine Schule meldet sich bei uns und sagt, dass sie mit einer Sekundarklasse das Modul «Umgang mit Geld» durchführen möchte. Die Lehrperson gibt Schwerpunkte und den Zeitrahmen an. Danach wird ein passender Volunteer aus einem unserer Partnerunternehmen vermittelt. Unsere Aufgabe ist das Matching zwischen den Bedürfnissen der Schule und den verfügbaren Volunteers. Die Partnerunternehmen unterstützen uns zudem finanziell. So können wir die Programme für Schulen kostenlos anbieten.

 

Was bringt es Schülerinnen und Schülern, wenn jemand aus einem Unternehmen ins Klassenzimmer kommt?

Johanna Aebi: Es ist ein besonderes Erlebnis, wenn eine externe Person vor der Klasse steht. Schülerinnen und Schüler sehen unterschiedliche Berufs- und Rollenbilder und fragen: «Waren Sie eigentlich gut in der Schule?» Das eröffnet eine zusätzliche Ebene und kann dazu beitragen, dass sie einem Thema anders zuhören. Oft kleiden sich unsere Volunteers so, wie sie zur Arbeit gehen würden. Weil die Volunteers aus der Praxis kommen, können sie auch aktuelle Fragen beantworten, die in unseren Unterlagen nicht vorgesehen waren.

 

Neben der Finanzbildung beschäftigt sich YES auch mit Unternehmertum. Was hält junge Menschen davon ab, selbst etwas auszuprobieren?

Johanna Aebi: Oft denken wir, wir müssten etwas bereits sehr gut können, bevor wir überhaupt anfangen dürfen. Kindern wird manchmal früh vermittelt: Das ist kompliziert, damit kennst du dich nicht aus. Dadurch entstehen Hemmungen, beim Umgang mit Geld genauso wie beim Unternehmertum. Entscheidend ist, diese Hemmungen abzubauen und zuzulassen, dass Fehler passieren. Gerade in der Schweiz ist unsere Fehlerkultur ein zentrales Thema. Wer lernt, mit Geld oder unternehmerischen Ideen umzugehen, muss auch einmal eine falsche Entscheidung treffen dürfen. Nur so kann man daraus lernen.

 

Tragen wir als Gesellschaft also auch Verantwortung für eine andere Fehlerkultur?

Johanna Aebi: Ja. Zunächst einmal dafür, überhaupt eine Fehlerkultur zu haben.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Finanzbildung in der Schweiz?

Johanna Aebi: Ich wünsche mir mehr verlässliche Gefässe, in denen Finanzbildung stattfinden kann. Heute hängt vieles von einzelnen Lehrpersonen ab. Ob und wie intensiv Finanzthemen behandelt werden, kann stark variieren. Das schafft Ungleichheit: Gerade jene Jugendlichen, die dieses Wissen besonders gut gebrauchen könnten, hören vielleicht nie davon. Gleichzeitig sollten bestehende Angebote besser zusammenspielen. In der Schweiz gibt es viele gute Initiativen zur Finanzbildung, aber keine übergeordnete Strategie. Lehrpersonen werden schon heute mit Angeboten überflutet. Entscheidend ist deshalb, mit ihnen zusammenzuarbeiten und Doppelspurigkeit zu vermeiden. Und schliesslich wünsche ich mir mehr Mut, über Geld zu sprechen. Natürlich ist Geld ein sensibles Thema. Aber ich glaube nicht, dass wir Kinder schützen, wenn wir nicht über Geld reden.

Wenn junge Menschen aus diesem Gespräch nur eine Botschaft mitnehmen sollen: Welche wäre es?

Johanna Aebi: Finanzthemen sind etwas, das man lernen kann. Sie sind keine Blackbox.

Young Enterprise Switzerland

Young Enterprise Switzerland (YES) ist eine Non-Profit-Organisation, die schweizweit Kinder und Jugendliche auf ihre persönliche und berufliche Zukunft vorbereitet. Mit verschiedenen praxisnahen Bildungsprogrammen vermittelt YES wichtige Zukunftskompetenzen – von der Primarstufe bis zur Sekundarstufe II. Im Zentrum stehen die Themenfelder Entrepreneurship, Demokratiekompetenz, Work Readiness und Finanzkompetenz. Als Partner von YES engagiert sich der SVV für die Förderung der Finanzbildung junger Menschen. Dabei engagieren sich auch Mitarbeitende von SVV-Mitgliedunternehmen als Volunteers und vermitteln Schülerinnen und Schülern im Rahmen des Programms «Umgang mit Geld» praxisnahes Finanzwissen. So erhalten junge Menschen die Möglichkeit, Finanzthemen greifbar zu erleben und Fragen direkt mit Fachpersonen aus der Praxis zu diskutieren.