
Ein verschüttetes Bergdorf, psychische Gesundheit, Cyberangriffe und philosophische Grundsatzfragen: Auf den ersten Blick haben diese Themen wenig gemeinsam. Am Tag der Versicherer 2026 wurden sie jedoch durch eine zentrale Erkenntnis verbunden: Sie offenbaren, wie wichtig tragfähige Versicherungslösungen für Wirtschaft und Gesellschaft sind.
Sommer und Sonne satt über St. Gallen. Wer gehofft hatte, auf knapp 700 Metern über Meer etwas kühlere Temperaturen anzutreffen, wurde enttäuscht. «Viele haben gedacht, es sei hier etwas frischer – was es nicht ist», sagte SVV-Präsident Stefan Mäder gleich zu Beginn mit einem Schmunzeln. Für Gesprächsstoff sorgte an diesem Sommertag allerdings nicht nur das Wetter. Rund 250 Vertreterinnen und Vertreter der Schweizer Versicherungswirtschaft sowie Gäste aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft diskutierten in der Tonhalle St. Gallen die Frage, wie «Versicherbarkeit» auch in Zukunft gewährleistet werden kann. Unter dem Motto «Versicherbarkeit gestalten: für eine starke Wirtschaft und eine resiliente Gesellschaft» rückte der Schweizerische Versicherungsverband SVV an seinem diesjährigen Tag der Versicherer ein Thema ins Zentrum, das weit über die Branche hinausreicht.



Den inhaltlichen Auftakt machte SVV-Präsident Stefan Mäder, der zuvor für eine weitere Amtsdauer von drei Jahren wiedergewählt worden war. Versicherbarkeit, so seine zentrale Botschaft, entstehe nicht von selbst. «Sie muss erhalten, angepasst und manchmal auch neu erkämpft werden.» Als Beispiele nannte er die Herausforderungen durch Naturgefahren, Cyberrisiken und geopolitische Unsicherheiten. Gleichzeitig brauche es verlässliche politische und regulatorische Rahmenbedingungen, damit die Versicherungswirtschaft ihre volkswirtschaftliche Funktion auch künftig erfüllen könne.

Weitere Perspektiven auf die Zukunft der Versicherbarkeit lieferten Stefan Walter, Direktor der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht Finma, sowie Sandra Känzig, CISO der Helvetia Baloise Gruppe und Sandro Nafzger, CEO des IT-Security-Unternehmens Bug Bounty Switzerland. Im Zentrum ihrer Ausführungen standen die aktuellen Herausforderungen für die Versicherungswirtschaft – von regulatorischen Fragen über Klimarisiken bis hin zur wachsenden Bedrohung durch Cyberangriffe.

Den wohl nachdenklichsten Beitrag des Tages lieferte die Philosophin Barbara Bleisch. Sie unterschied zwischen Gefahren und Risiken und erinnerte daran, dass moderne Gesellschaften immer mehr Gefahren in berechenbare Risiken verwandeln – und damit zugleich die Erwartungen an Sicherheit erhöhen. «Der Wunsch nach Kontrolle nimmt zu, während die Bereitschaft schwindet, Unsicherheit auszuhalten.» Bleisch warnte davor, hinter jedem Unglück reflexartig nach Schuldigen zu suchen. «Wir können uns noch so sehr versichern und absichern – nie wird das Schicksal ganz schweigen», sagte sie. Zur Resilienz einer Gesellschaft gehöre deshalb auch die Fähigkeit, mit dem Unverfügbaren umzugehen und Unsicherheiten auszuhalten. «Nicht alles lässt sich verhindern, nicht jede Gefahr vollständig kontrollieren.»

Der eindrücklichste Moment des Tages gehörte Matthias Bellwald, Gemeindepräsident von Blatten. Während er seine ersten Sätze an das wache Publikum richtete, lief im Hintergrund jener Handyclip, der Ende Mai 2025 um die Welt ging: die wenigen Sekunden, in denen sich der Berg löst und das Dorf im Lötschental unter einer gewaltigen Staub- und Geröllwolke verschwindet. Viele im Saal kannten die Bilder. An ihrer Wucht hatten sie nichts verloren. «Wenn es nur 40 Sekunden dauert, um eine Dorfgemeinschaft zu zerstören, Traditionen zu begraben und Liebgewonnenes zu vernichten, dann hinterlässt das tiefe Spuren», sagte Bellwald.

Sein Referat war jedoch keine Rückschau auf die Katastrophe, sondern vor allem ein Blick nach vorn. Er schilderte, wie die Menschen von Blatten nach dem Verlust ihrer Häuser und ihres Besitzes neue Perspektiven entwickelten. Entscheidend seien dabei nicht allein finanzielle Mittel oder neue Infrastruktur gewesen. Ebenso wichtig seien Vertrauen, Zusammenhalt und gemeinsame Ziele. «Infrastruktur aufzubauen ist einfach», betonte Bellwald. «Eine Gemeinschaft zu erhalten, das ist die eigentliche Herausforderung.» Besonders eindrücklich waren seine Schilderungen des sozialen Zusammenhalts. Die Musikgesellschaft probte bereits wenige Wochen nach der Katastrophe wieder mit neuen Instrumenten und wurde mittlerweile Schweizermeisterin. Die traditionsreichen Herrgottsgrenadiere beschafften sich neue Uniformen, damit Fronleichnam wieder gefeiert werden konnte. Das soziale Gefüge, so Bellwald, sei trotz allem intakt geblieben. «Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.»
Mit der «Vision Blatten 2030» arbeitet die Gemeinde derzeit intensiv am Wiederaufbau. Über 1700 Ideen aus der Bevölkerung flossen in die Planung eines neuen Dorfs ein. Entstehen soll ein Bergdorf mit Alpenscharm, nachhaltigem Tourismus, moderner Infrastruktur und einer starken Verankerung in den Traditionen des Lötschentals.
Ein weiteres zentrales Thema war die psychische Gesundheit junger Menschen. Unter dem Titel «Wenn die Psyche leidet – zwischen Eigenverantwortung und kollektiver Absicherung» diskutierten Philosophin Barbara Bleisch, AXA-Schweiz-CEO Patric Deflorin, Kinder- und Jugendpsychiater Axel Ladner sowie die KV-Lernende Serena Stellavato von der Pax über die Ursachen und Folgen der zunehmenden psychischen Belastungen. Die Zahlen, die dabei präsentiert wurden, gaben zu denken. Laut dem aktuellen Mind Health Report der AXA kämpfen 40 Prozent der 18- bis 24-Jährigen in der Schweiz mit psychischen Problemen. Als einen wesentlichen Einflussfaktor nannten viele Befragte die zunehmende Bildschirmzeit auf den Sozialen Medien. Kinder- und Jugendpsychiater Axel Ladner berichtete von einem enormen Anmeldedruck in seiner Praxis. Angststörungen, Konzentrationsprobleme und andere psychische Belastungen hätten in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.

Trotz der ernsten Thematik blieb die Diskussion nicht ohne Hoffnung. Diese verkörperte insbesondere Serena Stellavato. Die 19-jährige KV-Lernende, die wenige Tage zuvor ihre Lehrabschlussprüfung absolviert hatte, brachte die Perspektive ihrer Generation authentisch in die Runde ein. Junge Menschen würden durchaus über psychische Belastungen sprechen, sagte sie – vorausgesetzt, sie hätten Menschen, denen sie vertrauen könnten. Und als die Runde später spontan vom «Sie» zum «Du» wechselte, weil sich junge Menschen laut der Lernenden damit wohler fühlen, zeigte sich, dass auch kleine Gesten einen Austausch verändern können.
Zum Abschluss nahm SVV-CEO Urs Arbter den roten Faden nochmals auf. Versicherbarkeit brauche geeignete Rahmenbedingungen, sagte er. «Sie entsteht nicht überall von selbst, sondern häufig erst durch kluge Regulierung und das Zusammenspiel von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft.» Gleichzeitig warnte er vor Überregulierung. «Nicht jede Herausforderung muss mit neuen Vorschriften beantwortet werden.» Versicherbarkeit benötige auch Eigenverantwortung und unternehmerischen Handlungsspielraum.
Nach dem offiziellen Teil verlagerte sich der Austausch der Versicherungscommunity ins Foyer und auf die Terrasse der Tonhalle. Beim Stehlunch wurde weiterdiskutiert, debattiert und genetzwerkt. Gesprächsstoff hatte der Tag zweifellos genügend geliefert.

Der nächste Tag der Versicherer findet am 25. Juni 2027 in Bern statt.
Am Tag der Versicherer in St. Gallen diskutierte der SVV, wie Versicherbarkeit erhalten bleibt, und wählte drei neue Vorstandsmitglieder.
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In unserem aktuellen Jahresbericht beleuchten wir die Frage der Versicherbarkeit – und das weit über Naturereignisse und Elementarschäden hinaus.

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