
Am 23. April 2026 fand im Baloise Ausbildungszentrum Basel die Fachtagung Transportversicherung des Schweizerischen Versicherungsverbandes statt. Rund 80 Fachpersonen aus der Versicherungs- und Transportbranche tauschten sich zu aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen der Transportversicherung aus.
Im Fokus standen geopolitische Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf Transporte und Lieferketten, neue regulatorische und vertragliche Rahmenbedingungen sowie praxisnahe Fragestellungen aus Underwriting, Schaden und Marktorganisation. Die Fachreferate beleuchteten diese Themen aus unterschiedlichen Perspektiven, von globaler Handelspolitik über Versicherungszertifikate und Kriegsklauseln bis hin zu Havarie Grosse, Digitalisierung im Aussenhandel und Aviation‑Versicherung.
Fabio Cerere (Swiss Re AG) beleuchtete in seinem Vortrag die Besonderheiten von Stock‑Throughput‑Policen. Diese bündeln Transport- und Lagerdeckungen in einem Vertrag und ermöglichen eine durchgehende Absicherung von Waren entlang der gesamten Lieferkette vom Hersteller bis zum Endkunden.
Er zeigte auf, dass solche Lösungen für Kundinnen und Kunden Vorteile wie eine lückenlose Deckung und einen breiten Versicherungsumfang bieten, aus Sicht der Versicherer jedoch besondere Herausforderungen mit sich bringen. Insbesondere Lagerrisiken sind häufig durch eine tiefe Schadenfrequenz, aber ein potenziell sehr hohes Schadenausmass geprägt. Moderne Logistikstrukturen mit zentralisierten Lagern und hohen Warenwerten verstärken diese Exponierung zusätzlich.
Philipp Muster (Direktor SSC Swiss Shippers’ Council) gab einen Überblick über aktuelle weltpolitische und handelspolitische Entwicklungen und deren Auswirkungen auf die Schweiz. Er zeigte auf, dass der internationale Handel zunehmend von geopolitischen Spannungen geprägt ist und wirtschaftspolitische Instrumente wie Zölle, Subventionen und Exportkontrollen vermehrt strategisch eingesetzt werden.
Besonders beleuchtet wurden die anhaltenden Handelskonflikte zwischen den USA und China sowie deren indirekte Effekte auf globale Lieferketten. Für die stark exportorientierte Schweizer Wirtschaft ergeben sich daraus neue Unsicherheiten, insbesondere dort, wo Handelsmassnahmen grosser Wirtschaftsblöcke auch Drittstaaten betreffen.
Vor diesem Hintergrund betonte Herr Muster die zentrale Bedeutung von Freihandelsabkommen für die Schweiz. Diese tragen wesentlich dazu bei, den Marktzugang zu sichern, Handelsabhängigkeiten zu diversifizieren und die Widerstandsfähigkeit von Unternehmen in einem zunehmend fragmentierten globalen Umfeld zu stärken.
Raoul Kretzschmar (Co‑Präsident der AG Transport SVV, Die Mobiliar) widmete sich in seinem Vortrag der Rolle von Versicherungszertifikaten in der Transportversicherung. Er zeigte auf, dass Versicherungszertifikate primär als Nachweis des bestehenden Versicherungsschutzes dienen und insbesondere im internationalen Handel eine zentrale Funktion erfüllen. Dies gilt etwa im Zusammenhang mit Letters of Credit, bei denen ein gültiges Zertifikat häufig Voraussetzung für die Auszahlung ist.
Neben der praktischen Bedeutung thematisierte Kretzschmar auch die Risiken, die mit Versicherungszertifikaten verbunden sind. Dazu zählen unter anderem falsche oder unvollständige Angaben, unzureichende Deckungssummen, Missverständnisse gegenüber der zugrunde liegenden Police sowie mögliche rechtliche Auseinandersetzungen.
Abschliessend betonte Kretzschmar, dass Versicherungszertifikate sorgfältig erstellt und geprüft werden müssen, auch wenn sie durch Versicherungsnehmende selbst ausgestellt werden. Eine klare Übereinstimmung mit der zugrunde liegenden Police, Transparenz sowie die Einhaltung rechtlicher und regulatorischer Vorgaben seien entscheidend, um Risiken im internationalen Transportgeschäft zu vermeiden.
Jörn Groninger (Groninger Welke Janssen) widmete sich in seinem Vortrag der Havarie Grosse als einem der ältesten und bis heute relevanten Prinzipien des Seehandels. Er zeigte auf, dass das Grundkonzept des solidarischen Ausgleichs ausserordentlicher und bewusst eingegangener Opfer oder Aufwendungen zum Schutz der gemeinsamen Sicherheit seit über 3’000 Jahren besteht und bis heute in den York‑Antwerp Rules geregelt ist.
Anhand typischer Fallkonstellationen erläuterte Groninger die Abgrenzung zwischen Zufallsschäden (besondere Havarie) und bewusst herbeigeführten Massnahmen der Havarie Grosse, etwa beim Seewurf von Ladung, beim Feuerlöschen an Bord, bei Bergungsmassnahmen oder Kosten im Nothafen. Dabei wurde deutlich, dass das Kriterium der Absicht zur gemeinsamen Gefahrenabwehr zentral für die Einordnung ist.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem praktischen Ablauf der Havarie‑Grosse‑Abwicklung. Groninger erläuterte das Verfahren von der Entstehung des Beitragsanspruchs über die Sicherstellung mittels Garantien bis hin zur Dispachierung und Verteilung der Kosten auf Schiff, Ladung und weitere beitragspflichtige Interessen. Besonderes Augenmerk galt dabei Spezialfragen im Containerverkehr, etwa bei Sammelcontainern, unvollständigen Dokumentationsketten oder der Bedeutung von Zwischen‑ und Brückensicherheiten.
Alexander Steffen (Co‑Präsident der AG Transport SVV, Helvetia Versicherung) und Jens Jaeger (Leiter Transport/Luftfahrt, GDV) beleuchteten gemeinsam den Umgang mit kriegerischen Risiken in der Transportversicherung. Beide machten deutlich, dass Kriegsklauseln keinen Krieg versichern, sondern festlegen, welche Risiken unter bestimmten Voraussetzungen weiterhin versicherbar sind und wo die Grenzen der Deckung liegen.
Alexander Steffen stellte die überarbeiteten ABVT‑Klauseln des SVV vor. Neu eingeführt wurden unter anderem eine eindeutige Kriegsdefinition, präzisierte Geltungsbereiche sowie Schnittstellen zu Cyber‑Risiken, um hybride Schadensszenarien wie Drohnen oder computergestützte Angriffe sachgerecht abzudecken.
Jens Jaeger präsentierte die neue GDV‑Kriegsklausel (Fassung Januar 2026), die den bisherigen Deckungsumfang unverändert lässt, jedoch stärker auf prozessuale Steuerung setzt. Im Fokus stehen differenzierte Kündigungsmöglichkeiten auf Basis objektiver externer Referenzen sowie ein automatischer Wiedereinschluss bei verbesserter Risikolage. Beide Ansätze verfolgen das gemeinsame Ziel, Transparenz und Planbarkeit zu erhöhen – unterscheiden sich jedoch darin, ob der Schwerpunkt eher auf inhaltlicher Präzisierung (ABVT) oder auf struktureller Risikosteuerung (GDV) liegt.
.jpg)
Philipp Muster (Direktor SSC Swiss Shippers’ Council) zeigte auf, wie die fortschreitende Digitalisierung den Schweizer Aussenhandel verändert. Im Fokus standen das Transformationsprogramm DaziT, das neue Zollgesetz sowie die Ablösung des bisherigen Zollsystems e‑dec durch Passar. Ziel dieser Reformen sind digitalisierte Zollprozesse sowie effizientere Abläufe im Import und Export.
Mit dem Industriezollabbau per 1. Januar 2024 und der Einführung von Passar 2.0 ergeben sich insbesondere für Importe deutliche Vereinfachungen. Industriewaren unterliegen keinen Zollabgaben mehr, Tarifnummern wurden reduziert und Importeurinnen und Importeure können Waren künftig selbstständig im Voraus deklarieren. Davon profitieren insbesondere KMU, die Prozesse eigenständiger steuern können.
Muster machte deutlich, dass diese Neuerungen erhebliches Einsparpotenzial eröffnen. Insgesamt wurde der Industriezollabbau in Kombination mit Passar 2.0 als wichtiger Treiber für Effizienz, Transparenz und Wettbewerbsfähigkeit im Schweizer Aussenhandel eingeordnet.
Felix Kessler (Swiss Re) gab einen Überblick über die Grundlagen der Aviation‑Versicherung und Rückversicherung und ordnete diese in einen zunehmend komplexen globalen Kontext ein. Er zeigte die Vielfalt der versicherten Risiken auf, darunter Airlines, industrielle und kommerzielle Einsätze, General Aviation sowie Drohnen und Spezialoperationen.
Ein Schwerpunkt lag auf der Versicherung von kriegs- und kriegsnahen Risiken in der Luftfahrt. Kessler erläuterte die Struktur der Aviation‑War‑Deckungen sowie die Abgrenzung zwischen All‑Risk‑Deckungen und speziellen War‑Policies und zeigte auf, dass die verfügbare Kapazität begrenzt und stark von geopolitischen Entwicklungen abhängig ist.
Der Vortrag machte deutlich, dass die Aviation‑Versicherung ein global vernetztes und kapitalintensives Geschäft bleibt, bei dem Risikoselektion, Kapazitätssteuerung und internationale Rückversicherung eine zentrale Rolle für die Stabilität des Marktes spielen.

Die Fachtagung Transportversicherung 2026 zeigte, dass die Branche vor komplexen Herausforderungen steht, die von geopolitischen Risiken über regulatorische Anpassungen bis hin zu strukturellen Veränderungen in Handel und Logistik reichen. Gleichzeitig wurde deutlich, wie wichtig klare Rahmenbedingungen, transparente Klauseln und der kontinuierliche fachliche Dialog für die Stabilität und Versicherbarkeit im Transportgeschäft sind. Der SVV dankt allen Referierenden und Teilnehmenden für den engagierten Austausch.
Bei der Transportversicherung geht es um den Schutz der Transportmittel und der transportierten Güter. Hier sind die dazugehörenden Versicherungen erklärt.

Die Fachtagung Transportversicherungen bietet spannende Inputreferate und Diskussionen rund um Verkehrshaftung, Verpackungsfragen und Digitalisierung im Transportversicherungsgeschäft.
