Luftaufnahme eines Waldes und Feldwegs.

«Nachhaltiger Finanzplatz»: die wichtigsten Fragen und Antworten

Listicle
9. Februar 2026

Was ist eigentlich ein «nachhaltiger Finanzplatz» – und welche Rolle spielen Versicherer dabei? Dieses Listicle ordnet zentrale Begriffe ein und zeigt, worauf es aus Sicht des Schweizerischen Versicherungsverbandes SVV ankommt: Risiken pragmatisch managen, Nachhaltigkeit ganzheitlich denken und Wirkung höher gewichten als Symbolpolitik oder zusätzliche Bürokratie.

Nachhaltigkeit ist auch am Finanzplatz längst zu einem viel verwendeten Begriff geworden. Doch was genau damit gemeint ist, bleibt oft unscharf. Zwischen Klimazielen, Biodiversität, Regulierungsdebatten und wirtschaftlicher Realität stellt sich die zentrale Frage, wie ein nachhaltiger Finanzplatz konkret auszugestalten ist – und welche Rolle Versicherer dabei spielen.

Wie sieht ein «nachhaltiger Finanzplatz» aus?

Wenn heute von einem «nachhaltigen Finanzplatz» die Rede ist, steht dahinter die Erwartung, dass der Finanzsektor eine Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft unterstützt, die Ressourcen schont und langfristig tragfähig ist. Gemeint ist ein Finanzplatz, der Kapital, Finanzierung und Risikoschutz so einsetzt, dass ökologische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ziele zusammenwirken.

Entscheidend ist dabei, Nachhaltigkeit nicht auf Klimafragen zu verengen. Aus Sicht des SVV bedeutet Nachhaltigkeit, wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Aspekte ganzheitlich zu denken. Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, ökologische Verantwortung und gesellschaftlicher Zusammenhalt stehen nicht im Widerspruch zueinander – sie bedingen einander.

Der Schweizer Finanzplatz ist sich dessen bewusst: Er begleitet den Wandel der Wirtschaft, ermöglicht Investitionen und hilft, Risiken abzusichern. Versicherer nehmen dabei eine zentrale Rolle ein – als institutionelle Investoren ebenso wie als Träger und Manager von Risiken.

Wie kann der Finanzplatz zur Nachhaltigkeit der Schweiz beitragen?

Innovation ist der wirksamste Hebel für nachhaltigen Fortschritt. Neue Technologien tragen dazu bei, CO2-Emissionen zu senken, Ressourcen effizienter zu nutzen und klimafreundliche Lösungen rasch global zu verbreiten. Entscheidend ist dabei: Wirksamer Wandel gelingt nur, wenn Finanzwirtschaft und Realwirtschaft gemeinsam Verantwortung übernehmen. Denn innovative Ideen entfalten ihre Wirkung erst dann, wenn sie finanziert, skaliert und in der Breite getragen werden können. Genau hier kommt der Finanzwirtschaft eine wichtige Rolle zu – als Ermöglicherin von Transformation. 

Die Versicherungswirtschaft setzt sich daher für Rahmenbedingungen ein, die Innovation fördern statt behindern. Ein nachhaltiger Finanzplatz zeichnet sich aus Sicht des SVV durch Transparenz, unternehmerischen Spielraum sowie verlässliche und innovationsfreundliche Regeln aus. 

Nachhaltigkeit entsteht nicht durch Bürokratie oder administrative Übersteuerung, sondern durch Anreize: für unternehmerisches Risiko, für Investitionen in neue Technologien und für klare, praktikable Standards. Regulierungsansätze, die primär administrativen Aufwand und Bürokratie erzeugen, ohne wirksam zu einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen, sind zu vermeiden. Wo immer möglich, ist auf Selbstregulierung zu setzen.

Entscheidend sind partnerschaftliche Lösungen – nicht Verbote.

Welche Rolle können Versicherer bei der Nachhaltigkeit spielen?

Versicherer übernehmen im Kontext der Nachhaltigkeit eine Doppelrolle: Sie sind Träger und Manager von Risiken und zugleich langfristig orientierte Investoren. Über beide Funktionen können sie den Wandel der Wirtschaft mitprägen – indem sie Risiken sichtbar machen, Anreize für mehr Resilienz setzen und Kapital für Innovation und damit für Transformation bereitstellen.

Dabei setzt die Versicherungswirtschaft auf Begleitung statt auf pauschale Ausschlüsse. Letztere können im Einzelfall ein Instrument sein. In der Regel ist es zielführender, Unternehmen auf ihrem Weg der Veränderung aktiv zu begleiten. Denn Transformation verläuft schrittweise und erfordert verlässliche Rahmenbedingungen.

Konkret geschieht dies über verschiedene Hebel: in der eigenen Geschäftstätigkeit, in der Kapitalanlage und im Underwriting. Bei Letzterem können Versicherer Risiken bewerten, Erwartungen formulieren und Anreize für Verbesserungen setzen. So unterstützen sie Unternehmen dabei, widerstandsfähiger und nachhaltiger zu werden. Über ihre Kapitalanlagen können Versicherer nicht nur emissionsarme Anlagen bevorzugen (die entsprechende CO2-Bilanz machen sie mit den Swiss Climate Scores transparent), sondern auch nachhaltige Investitionen ermöglichen. Dabei bleiben sie immer ihrem Versicherungskollektiv verpflichtet und müssen eine angemessene Anlagerendite sicherstellen.

Es gilt festzuhalten: Versicherer können den Wandel unterstützen, ihn aber nicht vorschreiben oder erzwingen.

Ihr Beitrag liegt darin, Risiken abzusichern, Innovation zu ermöglichen und Transformation mitzufinanzieren. Im Vordergrund steht dabei stets die Absicht, die Realwirtschaft partnerschaftlich auf dem Weg der Veränderung zu begleiten.

Wie werden Nachhaltigkeit und die damit verbundenen Risiken bei Versicherern gemessen?

Nachhaltigkeit und die damit verbundenen Risiken werden am Finanzplatz auf unterschiedliche Weise sichtbar gemacht. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Nachhaltigkeitsberichterstattung. Sie hat sich bei den Versicherern in den vergangenen Jahren deutlich professionalisiert. Eine Studie des Instituts für Versicherungswirtschaft der Universität St. Gallen zeigt zum Beispiel, dass sich die verwendeten Frameworks und Standards zunehmend konsolidieren. Auch Instrumente wie die Swiss Climate Scores tragen dazu bei, klimabezogene Informationen zu Kapitalanlagen transparenter und vergleichbarer zu machen.

Gleichzeitig ist die Erfassung, Bewertung und Messung von Risiken das Kerngeschäft der Versicherer. Ob Versicherer gut gerüstet sind, um diese Risiken zu tragen, prüft in der Schweiz der Swiss Solvency Test (SST). Das ist ein modernes prinzipien- und risikobasiertes Prüfinstrument, mit dem die Kapitalisierung der Versicherungsunternehmen beurteilt wird. Der SST umfasst dabei alle wesentlichen Risiken auf Aktiv- und Passivseite. Klima- respektive im weiteren Sinne naturbezogene Finanzrisiken stellen dabei keine separate Risikoklasse dar, sondern sind vielmehr Teil von vielen Risikotreibern, die in die Gesamtbeurteilung einfliessen. 

Das FINMA-Rundschreiben zu naturbezogenen Finanzrisiken konkretisiert die Erwartungen der Aufsicht zu einem ausgewählten Risikotreiber und formuliert Anforderungen, wie klima- und naturbezogene Risiken angemessen in bestehende Governance- und Risikomanagementprozesse einbezogen werden können. Damit geht die Aufsicht nach Einschätzung des SVV jedoch weit über internationale Standards und Regelwerke hinaus.

Was ist unter «naturbezogenen Finanzrisiken» zu verstehen?

Mit «naturbezogenen Finanzrisiken» sind finanzielle Risiken gemeint, die aus dem Klimawandel und weiteren Veränderungen natürlicher Grundlagen entstehen können. Darunter werden in der Regel nicht nur klimabezogene Risiken, sondern auch weitere Risiken im Zusammenhang mit Natur und Ökosystemen verstanden.

Der breit gefasste Begriff «Natur» öffnet das Feld potenzieller Risiken sehr weit. Dies erscheint mit Blick auf die Komplexität des Themas verständlich, erschwert aber eine pragmatische und verhältnismässige Umsetzung. Die Wirkung von Biodiversität und Umwelt auf Finanzrisiken ist erst im Ansatz erforscht und die komplexen Zusammenhänge zu wenig beleuchtet. Um die Auswirkungen von Risikotreibern in Bezug auf weitere naturbezogene Finanzrisiken mit genügender Sicherheit zu bestimmen, fehlt die Datengrundlage, respektive liegen spezifische historische Zeitreihen in weniger guter Vergleichbarkeit als bei Klimadaten vor.

Auch international liegt der Fokus daher auf Klimarisiken, was aus einer Risikoperspektive zweckmässig scheint, da voraussichtlich ab Mitte Jahrhundert der Klimawandel den grössten Risikotreiber darstellen wird.

Die Anforderungen an das prudenzielle Risikomanagement sollten sich auf die wesentlichen Finanzrisiken beschränken, um eine effektive Allokation der eingesetzten Ressourcen sicherzustellen. Auch mit Blick auf das Prinzip der Wesentlichkeit erscheint eine Fokussierung auf klimabezogene Risiken derzeit zielführend. Dafür setzt sich der SVV in der Regulierungsdebatte ein.

Wie ist das Thema Nachhaltigkeit im Finanzplatz reguliert?

Im Bereich Nachhaltigkeit ist der Schweizer Finanzplatz bereits heute durch ein dichtes Regelwerk geprägt. Die Klimaziele der Schweiz sind gesetzlich verankert und beziehen ausdrücklich auch die Ausrichtung der Finanzflüsse ein. Hinzu kommen ausgebaute Transparenz- und Berichterstattungspflichten für grössere Unternehmen, Banken und Versicherer sowie zunehmende aufsichtliche Anforderungen an Governance, Risikomanagement und Szenarioanalysen. Ergänzt wird dieser Rahmen durch Vorgaben und Selbstregulierungen zur Vermeidung von Greenwashing.

Aus Sicht des SVV zeigt sich klar: Es mangelt nicht an Regeln. Zusätzliche Vorgaben müssen deshalb sorgfältig darauf geprüft werden, ob sie tatsächlich mehr Wirkung entfalten – oder ob sie vor allem Ressourcen binden und administrativen Aufwand erhöhen. Entscheidend ist, dass nachhaltiges Wirtschaften wirksam unterstützt wird, ohne Innovation, Investitionen und konkrete Massnahmen durch unnötige Bürokratie auszubremsen.

Wie positioniert sich der Versicherungsverband in Sachen Nachhaltigkeit?

Der Schweizerische Versicherungsverband SVV bekennt sich zu einer nachhaltigen Entwicklung und zu den Klimazielen der Schweiz und unterstützt die Netto-Null-Strategie des Bundes bis 2050 sowie die Ziele des Pariser Klimaübereinkommens. Er vertritt dabei einen klaren, aber differenzierten Ansatz: Nachhaltigkeit soll wirksam vorangebracht werden – mit Innovation, Verantwortung und praxistauglichen Lösungen statt mit Symbolpolitik. 

Aus Sicht des SVV müssen wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Aspekte ganzheitlich betrachtet werden. Nachhaltigkeit darf weder auf einzelne Schlagworte noch auf reine Verbotslogiken reduziert werden. Entscheidend ist, dass Massnahmen tatsächlich Wirkung entfalten und eine langfristig tragfähige Entwicklung ermöglichen.

Dabei setzt sich der SVV für Rahmenbedingungen ein, die Innovation ermöglichen, statt vor allem administrativen Aufwand zu erzeugen. Nachhaltigkeit wird aus Sicht des Branchenverbandes dort gestärkt, wo unternehmerischer Spielraum erhalten bleibt und konkrete Verbesserungen im Vordergrund stehen.

Dafür setzt er sich auch auf intentioneller Ebene ein: Mit seinem Engagement bei den «Principles for Sustainable Insurance» unterstützt der Verband seine Mitglieder dabei, Nachhaltigkeitsaspekte im Risikomanagement und in der Weiterentwicklung ihrer Geschäftstätigkeit gezielt zu berücksichtigen.

Eine wichtige Leitplanke für den Verband bleibt dabei stets das Kartellrecht: Die Anlage- und Zeichnungspolitik liegt in der Verantwortung der einzelnen Unternehmen. Einheitliche Vorgaben auf Verbandsebene wären nicht sachgerecht und mit Blick auf wettbewerbsrechtliche Rahmenbedingungen höchst problematisch.

Wie steht der SVV zur Konzernverantwortungsinitiative?

Der SVV beurteilt die neue Konzernverantwortungsinitiative KVI kritisch. Zwar verschliesst sich die Versicherungswirtschaft einer Weiterentwicklung der Schweizer Nachhaltigkeitsregulierung nicht. Angesichts der laufenden Anpassungen der EU-Regeln erscheint es jedoch wenig sinnvoll, wenn sich die Schweiz ausgerechnet jetzt eng an ein Regelwerk anlehnt, das in Europa selbst bereits wieder vereinfacht wird. Aus Sicht des SVV braucht es deshalb keinen regulatorischen Alleingang, sondern eine international anschlussfähige Weiterentwicklung ohne Swiss Finish.

Entsprechend beurteilt der SVV auch den Gegenvorschlag des Bundesrates, zu dem am 1. April 2026 die Vernehmlassung eröffnet worden ist, als kritisch. Mit diesem soll ein neues Bundesgesetz über die nachhaltige Unternehmensführung (NUFG) eingeführt werden.

Der vorliegende Entwurf geht in einigen Aspekten, wie Haftung, Aufsicht und Berichterstattung, über den EU-Omnibus-Standard und insgesamt weit über eine international abgestimmte Modernisierung der Nachhaltigkeitsregulierung hinaus. Der Entwurf stellt faktisch eine Umsetzungsgesetzgebung für die neue KVI dar. Damit belastet er die Schweizer Wirtschaft in einer angespannten geopolitischen und wirtschaftlichen Lage unverhältnismässig stark.

Zusätzlich verpasst der Bundesrat mit dem Entwurf die Gelegenheit, das bestehende Swiss Finish im OR (Sorgfaltspflichten Kinderarbeit und Konfliktmineralien) mit umfassenden Sorgfaltspflichten abzugleichen und so zu vereinfachen. Ausserdem orientiert sich der Bundesrat ausschliesslich an denjenigen Bestimmungen des EU-Omnibus-Standards, die für die Wirtschaft nachteilig sind; die im Omnibus enthaltenen Erleichterungen und Deregulierungsschritte werden ignoriert.

Wie steht der SVV zur Finanzplatzinitiative?

Der SVV betrachtet die Finanzplatzinitiative äusserst kritisch, weil sie ein wichtiges Anliegen mit den falschen Mitteln verfolgt: Statt auf wirksame Anreize und marktwirtschaftliche Instrumente setzt sie auf Verbote, zusätzliche Aufsicht und mehr Bürokratie. Aus Sicht des SVV ist entscheidend, dass Klimaschutz dort ansetzt, wo Emissionen tatsächlich entstehen. Wirkung ist wichtiger als Verwaltung.

Hinzu kommt, dass die Initiative einen Schweizer Sonderweg schaffen würde. Wenn Schweizer Finanz- und Versicherungsanbieter bestimmte Geschäfte aufgrund staatlicher Vorgaben nicht mehr tätigen dürften, würde das die globale Nachfrage nach Finanzierung und Absicherung nicht beseitigen. Vielmehr bestünde die Gefahr, dass Geschäfte ins Ausland verlagert würden – ohne vergleichbare Standards und ohne zusätzlichen Nutzen für Klima oder Biodiversität.

Aus Sicht des SVV würde die Initiative zudem weitgehend bestehende Vorgaben überlagern, ohne einen entsprechenden Zusatznutzen zu schaffen. Gleichzeitig blieben zentrale Fragen der Umsetzung unklar. Das würde Rechtsunsicherheit schaffen, den administrativen Aufwand erhöhen und zusätzliche Kosten verursachen.